Fokus: Erde – Kapitel 1
In Kapitel 1 der Reihe »Fokus: Erde« fasst der Historiker Dr. Johannes Leicht die wesentlichen Vermessungstätigkeiten am Königlich-Preußischen Geodätischen Institut zusammen. Dr. Leicht gibt mit Einordnung in den jeweiligen geschichtlichen Zusammenhang einen Überblick von der Einführung eines einheitlichen Maß- und Gewichtssystems über die Durchführung von Triangulationsarbeiten, Grundlinienmessungen und Präzisionsnivellements bis zur Bestimmung der Schwerkraft durch Pendelmessungen.
Mit der Gründung des Königlich-Preußischen Geodätischen Instituts 1870 in Berlin vollzog sich in Preußen die Trennung der wissenschaftlichen Geodäsie von der preußischen Landesvermessung. Während Letztere vor allem mittels Messtischaufnahmen die genaue Kartierung Preußens erledigte, sollte das neue Forschungsinstitut einerseits die Aufgaben eines Zentralbüros der Permanenten Kommission der Mitteleuropäischen Gradmessung als ausführendes Organ wahrnehmen und andererseits den preußischen Beitrag zu diesem grenzüberschreitenden Vermessungsprojekt leisten. Zum Direktor des Geodätischen Instituts wurde Johann Jacob Baeyer (1794-1885) ernannt, auf dessen Initiative bereits einige Jahre zuvor die Mitteleuropäische Gradmessung ins Leben gerufen worden war (siehe Abbildung 1).
In dieser ältesten außeruniversitären Wissenschaftsorganisation weltweit, der Baeyer zugleich seit 1866 als Präsident vorstand, sammelten sich seit 1862 zunächst 16 mitteleuropäische Staaten zum Zweck der Verbindung verschiedener bereits vorhandener Dreiecksnetze in West- und Osteuropa sowie daraus ableitend zur Bestimmung der tatsächlichen Erdfigur. Bereits 1867 erweiterte sie sich mit den Beitritten Portugals, Spaniens und Russlands zur Europäischen Gradmessung und schließlich 1886 zur Internationalen Erdmessung mit dem Beitritt von Argentinien, Chile, Japan, Mexiko und den USA. Sie existiert bis heute in der International Association of Geodesy (IAG) fort. |1|
Beachtlich ist, dass dieser wissenschaftliche Zusammenschluss von 16 Staaten trotz der zeitgleichen kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa zustande gekommen ist. Nahezu alle Staaten der Mitteleuropäischen Gradmessung positionierten sich in den sogenannten Reichseinigungskriegen in den 1860er-Jahren an der Seite entweder Preußens oder Österreichs. Beide kämpften mit ihren Verbündeten um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Dennoch arbeiteten sie wissenschaftlich zusammen. Mehr noch, mit der Erweiterung des Netzwerks zur Europäischen Gradmessung forderten die Wissenschaftler von ihren Regierungen die Einführung eines einheitlichen Maß- und Gewichtssystems. Preußen beschloss 1868 die Übernahme des seit 1800 in Frankreich gebräuchlichen metrischen Systems, welches einen Meter als den 40-millionsten Teil des Erdumfangs definiert. 1875 unterzeichneten schließlich zwölf europäische Staaten, darunter auch das deutsche Kaiserreich, die internationale Meterkonvention. Bis heute gilt der Meter als gemeinsame Maßeinheit in Europa. |2|
Quellen
|1| Vgl. Wolfgang Torge: Geschichte der Geodäsie in Deutschland, 2. Aufl., Berlin 2009, S. 222-241.
|2| Torge, Geschichte der Geodäsie, S. 250 ff.
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Dr. Johannes Leicht
