Struve-Meridianbogen – ein geodätisches Weltkulturerbe

Zunehmende Kenntnisse in den Naturwissen­schaften und Fortschritte im Instrumentenbau ermöglichten im Zeitalter der Aufklärung genauere Vermessungen zur exakten Bestimmung der Größe und Form der Erde. Ziel war die Festlegung eines neuen, einheitlichen Längenmaßes auf Basis der Erddimension (1 m sollte dem zehnmillionsten Teil der Entfernung vom Äquator zum Pol entsprechen).

Ebenso stand nach der Entdeckung verschiedener physi­kalischer Gesetze wie Gravitation und Fliehkraft durch Newton die Frage der Abplattung an den Polen im Raum, wobei zwei grundlegend verschiedene Vermutungen diskutiert wurden.

Um diese Fragen zu beantworten, wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts verschiedene Gradmessungen im Bereich von Me­ridianbögen vorgenommen. Genannt seien an dieser Stelle Grad­messungen in Lappland und Peru oder auch der Bogen Barcelona-Dünkirchen, allesamt unter französischer Leitung durchgeführt. In Kombination mit astronomischen Beobachtungen sollte festgestellt werden, ob sich die Erdkrümmung in Abhängigkeit vom Breitengrad ungleichmäßig verändert. Wenn ja, wäre dies ein Beweis für die im Einklang mit den physikali­schen Kenntnissen von Gravitation und Fliehkraft vermutete ellipsoidische Erdform mit einer Abplattung an den Polen, de­ren Parameter dann aus den Vermessungsergebnissen abgeleitet werden könnten.
Auch das aufstrebende russische Zarenreich hatte Interesse da­ran, ei­ge­ne Unternehmungen zu diesem Thema durchzuführen. So konn­ten der deutschbaltische Direktor der damals zu Russ­land gehörenden Sternwarte Tartu (Dorpat), Friedrich Georg Wil­helm Struve (1793-1864), zusammen mit dem in russischen Diensten stehenden Offizier Carl-Friedrich Tenner (1783-1859) die Vermessung einer Dreieckskette im Bereich eines Meridian­abschnit­tes vom Schwarzen Meer zum Nordpolarmeer initiieren. Diese als »Struve-Bogen« bekannte und in den Jahren 1816 bis 1852 durchgeführte Vermessung erlangte große Bedeutung, da wegen der großen Distanz von fast 3.000 km und der hohen Ge­nauig­keit exakte Rückschlüsse auf die Größe und Gestalt der Erde zulässig wurden. Nicht weniger bedeutungsvoll war die or­gani­satorische Leistung, da die Vermessung nur durch das Ein­ver­neh­men der beteiligten Länder möglich wurde und somit ein frühes Beispiel für grenzübergreifende wissenschaftliche Zu­sammenarbeit ist. Aus diesen Gründen wurde der Struve-Bogen als längste Dreieckskette der Welt im Jahr 2005 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit auf­­genommen, eine für geodätische Leistungen einmalige Würdigung!

Die historischen Vermessungspunkte liegen in den heutigen Staaten Norwegen, Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland, Ukraine und Moldau. In jedem Land sind ausgewählte Dreieckspunkte mit einem Denkmal markiert. Einzig zwei Bauwerke, die als Messpunkte dieser Ket­te dienten, sind heute noch vorhanden – die Sternwarte in Tar­tu (Estland) und eine Kirche in Finnland. Die Sternwarte in Tar­tu ist Teil des historischen Gebäudeensembles der Universität und beherbergt eine Ausstellung zur besagten Gradmessung und astronomischen Ortsbestimmung. Vor der Sternwarte befindet sich ein Denkmal für Struve, welches den Meridianbogen ge­lungen symbolisiert.

Wer sich heute im Bereich des Struve-Bogens auf Reisen be­fin­det, dem wird schnell klar, welche große Leistung hinter die­ser Vermessung steht und dass die Aufnahme in die Welterbe­liste nur folgerichtig ist. Allein die Unwegsamkeit des nach Nor­den stetig dünner besiedelten Gebietes mit Sümpfen, Seenketten, Wäldern und Hochgebirgen über dem Polarkreis lässt schon die Erkundung der Messpunkte vor 200 Jahren als unglaubliche Leistung erscheinen.

 

 

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Gunter Rodemerk

Dipl.-Ing. Gunter Rodemerk

Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur
rodemerk(at)t-online.de