Mein erstes Studium in Dortmund beendete ich nach zwei Semestern, da mir praktische Übungen fehlten und der Stoff damals viel zu trocken für mich war. Aber was hatte ich auch anderes erwartet in einem BWL-Studium? Für mich stand dann fest, dass ich etwas studieren wollte, bei dem ich zum einen praktische Übungen hatte und das zum anderen vielseitig und zukunftsorientiert ist.
Da ich während der Semesterferien und auch schon in den Schulferien immer mal wieder im Vermessungsbüro meines Vaters gejobbt hatte, konnte ich mir ein gutes Bild von dem Beruf machen. Nach einigen Gesprächen und etwas Internetrecherche stand für mich fest, dass ich Geodäsie und Geoinformation in Bonn studieren wollte. Meine Wohnung in Dortmund hatte ich bereits zum 1. Oktober 2011 gekündigt, sodass ich mich nun nach einer Wohnung in Bonn umsehen musste. In Dortmund hatte ich zusammen mit einem Kommilitonen eine Dreizimmerwohnung gemietet. Für meine zukünftige Wohnung in Bonn stellte ich mir etwas Ähnliches vor. Auf der Suche nach einer Bleibe stellte ich jedoch schnell fest, dass der Wohnungsmarkt in Bonn sehr angespannt war und auch immer noch ist. Ich sah mich also nach einem freien Zimmer in einer bereits bestehenden WG um und hatte ein »WG-Casting« nach dem anderen. Eine Absage folgte der nächsten und es drohte mir, dass ich zum Studienbeginn am 4. Oktober 2011 kein Zimmer hätte. Ende September kam dann der erlösende Anruf einer der letzten WGs, die ich mir angesehen hatte, dass ich das Zimmer haben könnte. Zugegeben war das Zimmer nicht wirklich das, was ich mir vorgestellt hatte. Das alte Haus im Ortsteil Endenich, in dem ich mit fünf weiteren Studenten nun leben sollte, lag auf dem Grundstück eines Steinmetzen, im Garten stand die Werkhalle, in der Grabsteine hergestellt wurden, im Vorgarten begrüßten mich die fertigen Produkte.
Meinen Umzug legte ich auf den 3. Oktober 2011. Am Tag der Deutschen Einheit zog ich also in die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn. Meine Eltern begleiteten mich an jenem sonnigen Tag, fuhren aber mit dem Motorrad weiter in die nahe gelegene Eifel.
An meinen ersten Tag in der Uni kann ich mich noch gut erinnern. Zunächst wurden alle Erstsemester von der Fachschaft zu einem Frühstück eingeladen. Nach ersten schüchternen Gesprächen haben sich recht schnell kleinere Gruppen gebildet, die offen miteinander redeten und lachten. Das ist wohl der rheinischen Frohnatur geschuldet. Nachdem uns die Professoren begrüßt hatten, standen eine Campusführung und ein Grillabend, von der Fachschaft organisiert, auf dem Plan. Direkt am ersten Tag hatte ich das Gefühl dazuzugehören. Bei einer Bratwurst im Brötchen und einem Bier lernte ich nette Leute aus der Fachschaft und höheren Semestern sowie aus meinem Semester kennen, mit denen ich in den nächsten Semestern meine Übungen durchführte.
Für mich ist diese Zugehörigkeit, das »Abholen« am ersten Vorlesungstag ein absoluter Gewinn für dieses Studium. Es beschränkt sich nicht auf das erste Semester, sondern zieht sich durch das gesamte Studium. Der Kontakt zu den Professoren, Doktoranden und anderen Semestern ist sehr eng, was für eine familiäre Atmosphäre sorgt. Dieses Gefühl hatte ich in Dortmund nicht.
Studium
Der Stoff der Vorlesungen ist von Anfang an sehr anspruchsvoll. Ich erinnere mich, dass das Mathematikwissen aus der Oberstufe etwa zwei Wochen bei Ingenieurmathematik I geholfen hat. Danach war im Grunde alles neu. Zu jeder Vorlesung gibt es begleitende Übungen, die bearbeitet werden müssen, um für die Prüfungen zugelassen zu werden. Auch wenn Universitäten den Ruf haben, Wissen nicht praktisch, sondern weitestgehend durch Vorlesungen zu vermitteln, sieht das für das Studium der Geodäsie anders aus. In geodätischer Messtechnik (1. Semester) beispielsweise werden geodätische Instrumente wie das Nivelliergerät und dazugehörige Messtechniken wie etwa das »Verfahren rote Hose« während der Vorlesung besprochen und in späteren Übungen ausprobiert. Der Umgang mit den Instrumenten wird dann in einem abschließenden topografischen Praktikum auf dem universitätseigenen »Gut Frankenforst« zum Semesterende vertieft. Die Abwechslung von Vorlesung und Übung ist für fast jede Lehrveranstaltung im Studium so vorgesehen. Viele Übungen werden durch Programmieraufgaben begleitet, die mit Matlab durchzuführen sind. So wird nicht nur der Umgang mit den Geräten, sondern auch die Weiterverarbeitung der Rohdaten bis hin zum Ergebnis komplett umfasst.
Schon im ersten Semester wird klar, dass das Studium alleine nur schwer zu schaffen ist. Übungen finden in Gruppen statt und wenn man beim Mitschreiben in Statistik und Ausgleichungsrechnung nicht mitkommt, ist man auf die Mitschriften der Kommilitonen angewiesen. Auch für die Prüfungsvorbereitung ist es wichtig, sich mit seinen Kommilitonen zusammenzusetzen. Dafür ist meist Zeit genug, denn die Prüfungen sind über die vorlesungsfreie Zeit verteilt und finden meist an deren Ende statt. Das hat zwar den genannten Vorteil, dass man sich in Gruppen über den Stoff austauschen kann, jedoch bleiben einem vor dem nächsten Semesterbeginn oft nur ein paar Tage Freizeit.
Networking
Unser Studiengang hat eine sehr aktive Fachschaft, der ich im dritten Semester beigetreten bin. Die Fachschaft beteiligt sich u. a. studienbezogen an Aufgaben wie beispielsweise der QVM- Sitzung (Qualitätsverbesserungsmittel). Zusammen mit Studierenden anderer Studiengänge der Landwirtschaftlichen Fakultät, dem Dekan und einigen Professoren werden in der Sitzung Anträge geprüft, die zur Verbesserung der Lehre und des Studiums beitragen sollen. Hierzu zählen neben Anträgen zur Finanzierung von Tutorenstellen auch technische Anschaffungen wie neue Vermessungsgeräte. Das Mitspracherecht und der Einfluss der Studierenden in dem Gremium sind sehr groß.
Zusätzlich zu den studienbezogenen Aufgaben organisiert die Fachschaft regelmäßig Veranstaltungen für die Studierenden und alle Mitarbeiter. Vor allem das Fußballturnier im Sommer kommt bei Studierenden und Mitarbeitern sehr gut an. Bei einem gemütlichen Grillabend nach dem Turnier kommen Studierende, Mitarbeiter und ehemalige Studierende zusammen und lernen sich so auch außerhalb der Lehrveranstaltungen kennen. So ergibt es sich nicht selten, dass Studierende über diese Kontakte einen Aushilfsjob an der Uni oder in umliegenden Unternehmen angeboten bekommen. Die Welt der Geodäten ist klein, was es umso wichtiger macht, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Durch das Studium in Bonn fühle ich mich darauf vorbereitet.
Ich bin aktuell am Ende des dritten Mastersemesters und werde ab April bis voraussichtlich Oktober meine Masterarbeit schreiben. möchte ich dann mein Referendariat beginnen und ÖbVI werden.
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Philip Wehmeyer
Student der Geodäsie
philip_wehmeyer(at)outlook.com