Liebe Leserin, lieber Leser,

Heinz Erhardt, der vielleicht einzige ernsthafte deutsche Dichter, schrieb einst:

 

Wenn Blätter von den Bäumen stürzen,
Die Tage täglich sich verkürzen,
Wenn Amseln, Drossel, Fink und Meisen
Die Koffer packen und verreisen,

Wenn all die Maden, Motten, Mücken,
Die wir vergaßen zu zerdrücken,
Von selber sterben,
So glaubt mir,
Es steht der Winter vor der Tür

 

Es ist nicht zu leugnen: Nach einem Jahrhundertsommer mit einer einhergehenden Jahrhundertkonjunktur macht sich dieser Tage eine gewisse Melancholie breit. Zwar bleibt die Konjunktur, doch geht mit der Wärme und dem Sonnenlicht jeden Tag auch etwas Urlaubsnähe, etwas sommerlich Leichtes, etwas … tja, Lebensfreude? Und mehr und mehr wird man wieder an seine großen, gesellschaftlichen Pflichten erinnert. Wie z. B. an den wichtiger denn je scheinenden Kampf gegen Ignoranz und Arroganz, wie den Kampf um ein menschliches und respektvolles Miteinander. Aber auch wie den Kampf um Gesetze und Verordnungen, wel­che den Anforderungen an eine reibungslose und zukunftsgerichtete Berufsausübung gewährleisten. Das hatte man im Sommer etwas in den Hintergrund gedrängt, das ist nicht spannend oder prestigeträchtig – Robin Hood sah man selten zermürbt und mit tiefen Augenringen und Kaffeeflecken auf dem zerknitterten Hemd gezeichnet aus einer Arbeitsgruppensitzung taumeln –, aber es ist wichtig!

Der berufliche Nachwuchs fehlt überall. Nicht nur im geodätischen Umfeld, nein, Friseure, Tiefbauer, Bäcker, Polizisten, Raketenwissenschaftler, Erzieher, Fleischereifachverkäufer, Atombombenentschärfer oder Lehrer (Liste nicht mal ansatzweise unvollständig, sondern noch weit, weit davor) suchen Nachwuchs.

Wir können uns als Geodäten im Konzert der vielen interessanten Berufe nur dann behaupten, wenn wir eine Sprache sprechen. Wenn wir, wie im Rahmen der IGG, verbände- und organisationsübergreifend unseren Beruf, unsere Berufung gemeinsam dar­stellen und bewerben. Wenn wir verbandsintern Kollegen dazu bewegen, ihren gesellschaftlichen Auftrag auch dahin gehend zu verstehen, die zugegebenermaßen nicht immer leichte und zugegebenermaßen recht kostenintensive Ausbildung junger Frauen und Männer in Angriff zu nehmen. Es zu versuchen und anschließend davon Abstand zu nehmen ist oft verständlich. Es nicht zu versuchen hingegen ist, neutral ausgedrückt, schade für die potenziellen Geomatiker oder Vermessungstechniker.

Doch nicht nur die gemeinsame Sprache – und Ansprache –, auch die Bezahlung der Auszubildenden sollte, zumindest regional, als aus einem Guss verstanden werden. Die finanziellen Möglichkeiten des öffentlichen Dienstes einerseits als Wettbewerbsvorteil bei der Akquirierung von Auszubildenden nutzend, dann aber an anderer Stelle dem beliehenen Freien Beruf eine zeit-, aufwands- und standesgemäße Vergütung, auch von Lehrlingen, durch die Verweigerung neuer Kostenordnungen nahezu unmöglich zu machen, widerspricht der Idee des gemeinsamen Vorgehens.

Doch die Hoffnung auf ein Einsehen an allen Stellen stirbt zuletzt. Den Sommer hinter uns lassend könnten wir nun Rilke heran­ziehen (»Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr«), wir könnten aber auch auf den Dichterfürsten zurückgreifen (»… im Tale grünet Hoffnungsglück!«).

Wie? Jetzt schon?

Natürlich! Den Osterspaziergang im Oktober zu zitieren ist zwar etwas früh, doch wenn wir uns das goethesche Tal wünschen (Azubizahlen, Kostenordnungen, Respekt usw.), dann kämpfen wir auch dann für das Grün des Hoffnungsglücks, wenn eigentlich am Geländer schon Pfirsiche mit Streifen reifen.

Ihnen einen schönen Herbst

 

Andreas Bandow

Dipl.-Ing. Andreas Bandow 

 
bandow(at)bdvi-forum.de