Deutschland, ein Studentenparadies? Zumindest finanziell trifft dies weitestgehend zu. Denn nach wie vor studiert man hier deutlich günstiger als im Ausland. Neben den Lebenshaltungskosten stemmt der akademische Nachwuchs dort nicht selten auch (hohe) Studiengebühren, die stetig steigenden Zahlen von ausländischen Studierenden an deutschen Hochschulen erklären sich also nicht ausschließlich durch den guten Ruf und eine oftmals exzellente fachliche Ausbildung – auch der Kostenfaktor spielt dabei eine Rolle.
All dies mögen Gründe dafür sein, warum Deutschland bislang eine nur schwach ausgeprägte Stipendienkultur hat. Zudem unterstützt der Staat seine Studierenden seit geraumer Zeit mit BAföG und anderen Fördermitteln, private Förderer hielten sich lange zurück. Dies zu ändern war eines der Ziele der Bundesregierung, die zu diesem Zweck 2011 das Deutschlandstipendium ins Leben gerufen hat. Mit ihm sollen Studierende aller Nationalitäten gemeinsam vom Staat und privaten Geldgebern gefördert werden, deren bisheriger Werdegang herausragende Studienleistungen erwarten lässt. Zu den Förderkriterien zählt dabei neben besonderen Erfolgen an Schule oder Universität beispielsweise gesellschaftliches Engagement. Berücksichtigt wird auch die Überwindung besonderer biografischer Hürden, die sich aus der familiären oder kulturellen Herkunft ergeben.
Privat und Staat vereint
Im Rahmen des Deutschlandstipendiums werden Studierende einkommensunabhängig mit 300 Euro im Monat unterstützt. Eine Hälfte tragen private Förderer – Unternehmen, Stiftungen, Privatpersonen –, die andere Hälfte trägt der Bund. Insgesamt konnten die Hochschulen bis 2015 knapp 87 Millionen Euro private Mittel mobilisieren, 24.276 Stipendiaten wurden 2015 gefördert – immerhin 8 % mehr, als noch im Vorjahr. Etwa 7.000 private Förderer zahlten ihnen 2015 gut 25 Millionen Euro an Förderung aus.
ÖbVI als Förderer
Unter diesen Förderern sind – zum Teil bereits seit mehreren Jahren – auch immer mehr Berufskollegen. Grund genug, mit dem Kollegen Michael Petersen über seine Erfahrungen und Beweggründe zur Förderung zu sprechen und einen Blick auf die Vor- und Nachteile dieses Modells der Nachwuchsförderung zu werfen.
Dr. Alexander Tiefenbacher vom Servicezentrum Deutschlandstipendium des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft haben wir zudem gefragt, was das Stipendium für Öffentlich bestellte Vermessungsingenieure besonders attraktiv macht.
FORUM | Wie ist die Idee entstanden, einen Studierenden zu fördern?
Michael Petersen | Der Nachwuchs liegt mir und meinem Team sehr am Herzen. Da wir mit dem ÖbVI-Petersen-Preis, der jährlich während des TLS-Seminars in Fulda an die zukünfti-gen Hochschulabsolventen für besondere Leistungen vergeben wird, schon seit Langem Nachwuchsförderung betreiben, war der Schritt zum Stipendium – auf Nachfragen der Hochschule Bochum hin – nur die logische und sinnvolle Konsequenz.
Welche Erwartungen hatten Sie an Ihre Förderung im Rahmen des Deutschlandstipendiums?
Zuerst einmal ging es uns um die Förderung von vermessungstechnischem Hochschulnachwuchs, besondere Erwartungen hatten wir nicht. Während der Stipendienlaufzeit entwickelte sich aber neben einem vertieften Kontakt zur Hochschule auch ein enger Kontakt zu einigen Stipendiaten sowie deren Kommilitonen, sodass wir mittlerweile einen besseren Einblick in das derzeitige Studium der Vermessung haben und uns über viele fachlich innovative und studentische Entwicklungen und Vorgänge ein klares Bild machen und demgemäß viele Entwicklungen besser einschätzen können.
Hatten Sie bereits Erfahrungen in diesem Bereich der Nachwuchsförderung (z. B. durch die direkte Unterstützung eines Studierenden ohne staatliche Zuschüsse)?
Wir haben einige unserer heutigen Teammitglieder von der Ausbildung über das Studium bis hin zum »Wiedereinstieg« in den Beruf begleitet und während des Studiums auch fachlich und finanziell unterstützt, sodass wir hieraus bereits Erfahrungen im Umgang mit Studenten hatten.
Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit mit der Hochschule ein – waren Sie z. B. am Auswahlverfahren des Stipendiaten durch die Hochschule beteiligt?
Die Zusammenarbeit mit der Hochschule Bochum ist für uns sehr vertraut und angenehm. Das Auswahlverfahren wirkt auf uns insgesamt sehr professionell und ausgereift. Die Entscheidung über die Vergabe der Stipendien trifft eine Jury, die ausnahmslos mit Angehörigen der jeweiligen Hochschule besetzt ist. Bei der Vergabe können die Universitäten sich aber zusätzlich von Externen beraten lassen. In meinem Fall war das auch so, was hieß, dass ich eine anonymisierte Übersicht der infrage kommenden Kandidatinnen und Kandidaten erhielt und meine Meinung kundtun durfte, bevor die Hochschuljury eine Entscheidung traf.
Wie war der Kontakt zu Ihrem Stipendiaten während des Förderzeitraums und besteht/bestand der Kontakt auch nach dem Stipendium fort?
Wir haben – von Jahr zu Jahr zunehmend – einen immer engeren Kontakt zu »unseren« Stipendiaten. Nach anfänglichem Kennenlernen in den Hochschulräumen kommen die Stipendiaten mittlerweile nach Gelsenkirchen in unsere Räumlichkeiten und wir führen interessante und angenehme Gespräche – von persönlichen Entwicklungen und Lebensläufen bis hin zu speziellen Fragen der Vermessung und heutigen Ausbildung. Dabei sind die Studenten bisher immer sehr höflich und sich ihrer Rolle sehr bewusst gewesen, was zu sehr interessanten, aber auch wertvollen Unterhaltungen führte. Für uns als Unternehmen sind die Kontakte mittlerweile sehr wichtig, weil Sie uns oft das Erscheinungsbild der Vermessung und auch die Selbstwahrnehmung kritisch und konstruktiv hinterfragen lassen!
Aber auch für die Stipendiaten selbst ist der Kontakt – auch über die finanzielle Unterstützung hinaus – wertvoll, da durch die enge Verbindung Vertrauen entsteht, welches bei Stellen für Praktika sowie studentischen Beschäftigungen und nicht zuletzt auch für Stellen des Praxissemesters sehr hilfreich sein kann.
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Im Interview
Dipl.-Ing.
Michael Petersen
Dr. Alexander Tiefenbacher
Projektleiter Servicezentrum Deutschlandstipendium, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft