Geodäsie – Schlüsseldisziplin für die digitale Gesellschaft

Digitale Technologien halten zunehmend Einzug in unseren privaten und beruflichen Alltag. Zudem verändern mobile Technologien unser Kommunikationsverhalten ebenso wie unseren Zugang zu und Umgang mit Informationen jeglicher Art. Beides beeinflusst glei­chermaßen Geschäfts- und Verwaltungsprozesse, die mehr und mehr vollständig digitalisiert werden und dadurch medienbruchfrei ablaufen können. Dadurch ändern sich auch unsere bisherigen Arbeitsweisen grundlegend und durchgreifend. Entsprechend wandelt sich unsere Gesellschaft dauerhaft in eine digitale Gesellschaft.

In diesem Beitrag werden die Position und die Rolle der Geodäsie als Disziplin in diesem Transformationsprozess betrachtet. Es wird verdeutlicht, dass jegliche fachliche Weiterentwicklung diesen Entwicklungen Rechnung tragen muss. Dazu werden die Digitalisierung und der digitale Wandel beleuchtet und in den weiteren technologischen Fortschritt eingeordnet, der für die Geo­däsie relevant ist. Für die Wissenschaft und die Verwaltung werden verschiedene Beispiele vor­gestellt und behandelt, um aktuelle Entwicklungen aufzuzeigen.

 

Einführung

Die Geodäsie ist – nach einer gängigen Definition – die Wissen­schaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche (HELMERT, 1880). Ein wesentliches Element geodätischen Handelns ist deshalb der professionelle Umgang mit Koordinaten und Koordinatensystemen jeglicher Art. In diesem Zuge trägt die Geodäsie maßgeblich dazu bei, auf unterschiedlichsten Ska­len einen einheitlichen, übergreifenden, konsistenten Raum- und Zeitbezug zu definieren und zu realisieren; siehe z. B. KUTTERER ET AL. (2014, S. 5 f.). Dadurch schafft sich die Geodäsie zum ei­nen selbst ein tragfähiges Fundament, um ihre ureigenen Auf­gaben in Bereichen wie der Ingenieurgeodäsie, der Fotogrammetrie, der Positionierung und Navigation, dem Kartenwesen oder dem Landmanagement lösen zu können. Zum anderen unterstützt sie dadurch alle anderen Disziplinen, die für ihre Aufgaben und Anwendungen raumbezogene Informationen benötigen.

Unabhängig von der Geodäsie können Koordinaten und Koordinatensysteme jeglichen Informationen einen umfassenden Rahmen und eine durchgreifende Ordnung geben. Dadurch las­sen sich Sachdaten unterschiedlichster Herkunft und Nut­zung direkt und einfach miteinander vergleichen und ver­knüp­fen. Dies wird durch das Beispiel digitaler Fotografien deutlich, die räumliche – und gegebenenfalls in einer Abfolge auch zeit­liche – Zusammenhänge zwischen Sachverhalten in aller Regel kompakter beschreiben und veranschaulichen, als dies mit ge­schriebenen oder gesprochenen Texten möglich ist. Ein zweites Beispiel sind handelsübliche Geoinformationssysteme, in denen unterschiedliche Sachinformationen auf Basis eines gemeinsamen Raumbezugs überlagert werden.

Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Zusammenspiel von Geodäsie und digitalem Wandel. Dabei sieht er sich in einer Linie mit der Betrachtung der Geodäsie im gesellschaftlichen Kontext (KUTTERER, 2018a). Er ist als Diskussionsbeitrag von einer übergeordneten Warte aus formuliert, wie dies von einem Verband wie dem DVW e. V. – Gesellschaft für Geodäsie, Geo­information und Landmanagement – vertreten werden kann. Dabei wird – auch aus Platzgründen – geodätisches Wissen in einer gewissen Breite vorausgesetzt, wie es im Zuge eines Ge­o­däsiestudiums vermittelt oder durch einschlägige berufliche Erfahrung erworben wird. Der Begriff der Geodäsie wird dabei im weiteren Sinne verstanden und umfasst damit auch metho­dische Bereiche wie die Fotogrammetrie oder die Geoinformatik.

Es geht im Folgenden nicht um die ausführliche Erörterung eines einzelnen wissenschaftlichen Sachverhalts oder die Erstellung eines Strategiepapiers, wie sich die Geodäsie in den digitalen Wandel einbringen sollte. So wird hier kein aktueller Blick auf die Bereitstellung eines globalen geodätischen Re­ferenzsystems geworfen, da dies an anderer Stelle kompetent beschrieben wird; siehe z. B. SEITZ ET AL. (2017). Es werden auch nicht der Stand oder die Anwendung von Geoinformationssystemen betrachtet, die in vielen Fachrichtungen seit Langem ein etablierter Gegenstand der akademischen Lehre und der beruf­lichen Praxis sind (BILL, 2016).

Vielmehr geht es um die Einordnung und Wertung der Leistungen der Geodäsie im Hinblick auf den digitalen Wandel im aka­demischen Bereich und in der Vermessungsverwaltung. Auch wenn sich beide Sektoren innerhalb der Geodäsie inhaltlich nahestehen, unterscheiden sich die jeweiligen Arbeiten im Hin­blick auf Auftrag bzw. Zielsetzung sowie Aufgabenwahr­neh­mung. Die Wissenschaft ist auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet und handelt auf Basis der Freiheit von Forschung und Lehre. Die Verwaltung hingegen erfüllt ihren gesetzlichen Auftrag und dient damit dem Gemeinwohl; ihre Aufgaben haben hoheitlichen Charakter.

Allgemein betrachtet ist die Verortung von Objekten, Phäno­menen oder Prozessen das zentrale Bindeglied zwischen allen in der Geodäsie beruflich Tätigen. Diese inhaltliche und metho­dische Kompetenz stellt einen wesentlichen zivilisatorischen Beitrag dar, da sowohl die öffentliche Daseinsvorsorge als auch das wirtschaftliche Handeln zentral vom »Wissen um das Wo« abhängen. Ein unmittelbar einleuchtendes Beispiel ist die Bewertung des Zugangs zu Grundvoraussetzungen des täglichen Lebens wie z. B. Nahrung, Bildung oder Transport, wie dies im Rahmen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen zum Bemessen und Erreichen der sogenannten Nachhaltigkeitsziele benötigt wird (UN, 2015).

Aufgrund der hohen Komplexität und des beschränkten Rahmens ist es nicht möglich, das hier gewählte Thema erschöpfend zu behandeln. Deshalb ist dieser Beitrag skizzenartig so an­gelegt, dass zunächst der Wandel angesprochen wird, dem die Geo­däsie insgesamt unterliegt. Anschließend werden die we­sent­lichen Perspektiven in Einzelabschnitten aufgezeigt und an Beispielen aus der Geodäsie veranschaulicht und diskutiert. Schließlich wird die Geodäsie im Kontext des digitalen Wandels dahin gehend betrachtet, wo sie in Wissenschaft und Verwaltung wesentliche originäre Beiträge liefert.

 

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Hansjörg Kutterer

Prof. Dr.-Ing. Hansjörg Kutterer

Präsident des DVW e. V. – Gesellschaft für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement, Karlsruhe
hansjoerg.kutterer(at)dvw.de