Geodäsie in digitaler Gesellschaft

Es gehört zu den Motiven aller FORUM-Macher, »ihren Vermessern« grundlegende Hilfen für ihre Berufsausübung an die Hand zu geben. Inwieweit die Umsetzung gelingt, ist eine andere Sache, aber der Wunsch ist da. Besonders interessant sind dabei der Umgang mit Begriffen, die Erklärung ihrer Bedeutung, ihrer fachlichen Relevanz und die Beschreibung ihrer Anwendungsräume.

Zum Beispiel der Begriff »Digitalisierung«.

Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, dass der Begriff in den Vermessungsverwaltungen und -büros für Aufregung sorgte. Damals noch mit dem Inhalt der Umwandlung analoger in digitale Daten und der Sorge, dass diese Entwicklung mit einem Verlust von Arbeitsplätzen einhergehen könnte.

Dem Begriff wurden weitere Inhalte zugeordnet, immer der technischen Entwicklung folgend. Digitalisierung umfasste bald auch die datentechnische Umwandlung von Karten und Plänen sowie deren informations­technische Verarbeitung. Mit der Entwicklung verschiedenster Repräsentationsformen gewann das Vermessungswesen einen neuen Zugang zu allen informationsverarbeitenden Disziplinen.

So viel als Einleitung oder Erinnerung. Tatsächlich war es ein weiter Weg von der analogen Herstellung schöner Karten über die strukturierte Beschreibung ihrer Inhalte bis zur Umsetzung in computerverständliche Daten. Dass im Zuge einer ästhetischen Entwicklung auch am Laptop wieder »schöne« Karten hergestellt werden können, wird besonders die Karto­grafen freuen, hatten sie doch ihr Berufsethos in den Daten verschwinden sehen.

Interessant erscheint, dass sich der Inhalt der Digitalisierung verändert, besser: entwickelt hat, der Begriff aber in der neuen Datenlandschaft nach wie vor Anwendung findet. Nur dass die Bedeutung des Begriffes sich verändert hat und heute auf ein Spektrum verschiedenster integrierter Arbeitsvorgänge und Anwendungen hinweist.

Zurück zum Anfang: Wünschenswert wäre, wenn wir Geodäten sowohl die Entwicklungsgeschichte der Digitalisierung im Auge behielten als auch das neue Spektrum der informationstechnischen Möglichkeiten. Mit dem Rückblick machen wir uns bewusst, dass wir mit unseren Messverfahren schrittweise die Digitali­sierung mit vorbereitet haben. Mit dem Ausbau der digitalen Datenverarbeitung im Vermessungswesen eröffnen wir dem Berufsstand neue Anwendungsräume.

Hansjörg Kutterer geht in seinem Beitrag noch einen Schritt weiter. Indem er die Geodäsie als eine Schlüsseldisziplin für die digitale Gesellschaft apostrophiert und uns in die Sprache digitaler Technologieanwendung einführt, fordert er uns Geodäten heraus, nicht nur den Wandel des Begriffes »Digitalisierung« zu verstehen, sondern zugleich die neuen Mög­lichkeiten geodätischer Präsenz zu nutzen.

Ein Beispiel konkreter Anwendung und zugleich eine Einführung in das Begriffsfeld der KI liefern Benjamin Bischke und Patrick Helber mit ihrem Bericht über die Digitalisierung der Oberfläche unseres Planeten.

Die weiteren geschätzten Akteure des FORUM 1/2019 mögen dem Unterzeichner die inhaltlich forcierte Einleitung nach­sehen und sich mit uns Lesern an den Fotos der geodätischen Grönlandexpedition (Wilfried Korth/Thomas Hitziger) er­freuen.

 

Walter Schwenk

Dipl.-Ing.
Walter Schwenk

schwenk(at)bdvi-forum.de