Abbildung 1 | Zenitteleskop, Hersteller: J. Wanschaff, Berlin 1888
Im vierten Teil seiner Serie »Fokus: Erde« widmet sich Dr. Leicht den Abweichungen der Erdrotation. Von unerklärlichen Schwankungen der geografischen Breite eines Ortes irritiert, startete man damals Beobachtungsreihen in Berlin und Honolulu gleichzeitig. Immer mehr und immer weiter reichende Untersuchungen folgten.
Leicht schildert anschaulich den Bogen vom Anfangsverdacht bis hin zur Atomzeit und der astronomischen Erd-Uhr, stellt die Protagonisten der Forschungsarbeiten vor und begleitet sie auf ihrem Weg, der in den Erkenntnissen mündete, die heutigen Forschungen zugrunde liegen.
Jahrhundertelang nahmen Astronomen an, dass die Drehung der Erde um sich selbst gleichförmig verlaufe. Die Rotation der Erde und ihre Stellung im Raum galten daher als Taktgeber für den Uhrengang und bildeten die Grundlage für astronomische Ortsbestimmungen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts mehrten sich die Anzeichen, dass der Globus keineswegs konstant rotiert.
Ende der 1880er-Jahre ergaben verschiedene astronomische Beobachtungsreihen, u. a. am noch in Berlin ansässigen Geodätischen Institut, unerklärliche Schwankungen der geografischen Breite. Um den Verdacht zu bestätigen, dass sich womöglich der Erdkörper gegenüber der raumfesten Rotationsachse periodisch verlagert, initiierte die Internationale Erdmessung 1891/92 die gleichzeitige Breitenmessung in den diametral gelegenen Stationen Berlin und Honolulu auf Hawaii. |1|
Auf der Pazifikinsel kam dafür das 1888 in den Berliner Werkstätten von Julius Wanschaff für das Geodätische Institut Potsdam angefertigte Zenitteleskop zum Einsatz. Es hatte sich bereits bei den vorherigen Breitenbestimmungen bewährt und sollte nun auf der anderen Seite des Globus die vermutete periodische räumliche Schwankung der Erdpole nachweisen. Die Messergebnisse der vom Berliner Astronomen Adolf Marcuse (1860-1930) geleiteten Expedition brachten schließlich die erhoffte Gewissheit. Sie zeigten, dass sich die Schwankungen zwischen den europäischen Stationen in Berlin, Prag und Straßburg genau entgegengesetzt zu denen in Honolulu bewegen. |2| Die zuvor festgestellten Schwankungen bei der Messung der geografischen Breiten waren also nicht das Resultat von Instrumenten- oder Messfehlern, sondern Beleg für das »Eiern« der Erde bei ihrer Drehung um sich selbst aufgrund ihrer Unförmigkeit. Mit dem Zenitteleskop wurde fortan auf dem Potsdamer Telegrafenberg die geografische Breite im sogenannten Breitenhaus bestimmt. |3|
Auf Initiative des Geodätischen Instituts Potsdam beschloss die Allgemeine Konferenz der Internationalen Erdmessung schließlich die Einführung eines Internationalen Breitendienstes, um diese Schwankung der Erde von verschiedenen Stationen aus rund um den Globus kontinuierlich zu bestimmen. |4| Die bis heute durchgeführte Beobachtung der Polschwankung startete 1899 mit sechs teilnehmenden Stationen, die alle auf dem 39. Breitengrad lagen: Mizusawa (Japan), Gaithersburg (USA), Tschardjui (Russland), Cincinnati (USA), Carloforte (Italien) und Ukiah (USA).
Das auf dem 52. Grad nördlicher Breite liegende Geodätische Institut Potsdam war zwar nicht darunter, allerdings wurden hier bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unter der Federführung von Theodor Albrecht (1843-1915) die Messungen zentral koordiniert und ausgewertet. |5| Das Potsdamer Instrument diente als Prototyp der Teleskope, mit denen die Stationen des Internationalen Breitendienstes ausgerüstet wurden. Die Firmen Wanschaff (Berlin) und Zeiss (Jena) bauten und das Geodätische Institut testete diese, bevor sie in den Stationen zum Einsatz kamen.
Heutzutage erfasst der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) mit Sitz in Frankfurt/Main die Polkoordinaten mittels Satelliten im Millimeterbereich. Diese Überwachung ist notwendig, da ansonsten bei satellitengestützten Positionsbestimmungen schnell Fehler von bis etwa 10 m auftreten können. Der IERS erstellt regelmäßig ein global gültiges, zentimetergenaues Bezugssystem für astronomische und geografische Positionsdaten. Die Messungen tragen darüber hinaus zur Berechnung der koordinierten Weltzeit (UTC) bei, die vom Internationalen Büro für Maß und Gewicht (BIPM) in Paris koordiniert wird. Das BIPM setzt beispielsweise aufgrund von Empfehlungen des IERS Schaltsekunden in die koordinierte Weltzeit ein, um so die Übereinstimmung der Atomzeit mit der Sonnenzeit zu halten.
Denn auch die astronomisch gemessene Zeit vergeht nicht konstant, wie die beiden Potsdamer Wissenschaftler Friedrich Pavel (1889-1954) und Werner Uhink (1896-1973) Mitte der 1930er-Jahre herausfanden. Zu dieser Zeit hatte das Geodätische Institut bereits seit über 40 Jahren einen Dienst zur kontinuierlichen Zeitbestimmung und -bewahrung betrieben. Als die Wissenschaftler mit der exakten Bestimmung der Zeit begannen, hatte es im 1871 gegründeten Deutschen Reich noch gar keine einheitliche Zeit gegeben. Vielmehr lebten die Bürger einer Stadt jeweils nach ihrer eigenen Ortszeit ...
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Dr. Johannes Leicht
GeschichtsLotsen
jl(at)geschichtslotsen.de
Abbildung 2 | Vergleich der Breitenmessungen in Europa und auf Hawaii, aus: Th. Albrecht, Resultate der Beobachtungsreihe Honolulu betreffend die Veränderlichkeit der Polhöhe, Berlin 1892
Abbildung 3 | Zenitteleskop im Breitenhaus, um 1890
Abbildung 4 | Die Polschwankung, 1899 bis 2017
Abbildung 5 | Blick in den Uhrenkeller des Geodätischen Instituts, um 1900