Das geometrische Gewissen im Baugeschehen

Die Summe der Bauschäden wächst immer schneller. Wie eine Studie der Versicherungswirtschaft belegt |1|, betrug sie im Jahr 2013 bereits 10,5 Milliarden Euro. Die durchschnittliche Schaden­höhe bei den Architekten und Bauingenieuren betrug 67.000 Euro, bei den Vermessungsingenieuren 32.000 Euro. Die Schadenskurve geht rasant in die Höhe. Sowohl die Zahl der Mängel je Bauprojekt als auch die Kosten steigen kontinuierlich.

Die Studie der Versicherungswirtschaft hat deshalb untersucht, welche Gründe dazu führen. Die wichtigsten sind: immer komplexere Bauvorhaben, mangelhafte Bauplanung, Bauleitung und -ausführung, zu viele unterschiedliche Akteure, wachsender Fachkräftemangel etc. Die Folge: 3 % der Bauvorlagen sind nicht genehmigungsfähig, 12 % der Bauausführungen entsprechen nicht den Vorschriften, 12 % der Fehler gehen auf falsche Berechnungen zurück. Und was die Vermessungsingenieure angeht: Etwa 10 % der Bauschäden gehen auf baugeometrische Probleme zurück.

 

Gewissen, geometrisches

Gewissen kommt von Gewissheit. Ein gutes Gewissen hat man, wenn man die Gewissheit hat, richtig zu handeln. Übertragen auf das Baugeschehen hat man also ein gutes baugeometrisches Gewissen, wenn man sicher ist, dass die Geometrie des Bauvorhabens richtig ist, also der Bauantrag mit den Vorschriften übereinstimmt und dann später wirklich dort und so gebaut wird wie geplant.

Maßgebliche Vorschriften sind ja durchaus zahlreich. Die Bau­ordnung NRW (BauO NRW) enthält über 200 Regelungen mit Maßangaben: 152 Längen-, 49 Flächen- und 3 Volumen­an­ga­ben. Es gibt also viel zu beachten. Gleichwohl werden die­se Fest­legungen bis auf die Abstandsflächen nicht weiter überprüft. Und auch die Abstandsflächen werden nur beim Bau­antrag über­prüft – also auf Grundlage der Planung, nicht der Ausführung.

Mithin: keine Gewissheit, kein gutes Gewissen. Aus Sicht der Öffentlich bestellten Vermessungsingenieure durchaus erstaunlich, denn das müsste so nicht sein. § 1 des ÖbVI-Gesetzes in NRW regelt, dass eine der Kernaufgaben des ÖbVI gerade die ist, Gewissheit zu schaffen. Die von den ÖbVI ausgestellten öffentlichen Urkunden begründen den vollen Beweis der darin dargestellten Tatbestände. Eine solche Urkunde schafft tatsächlich rechtliche Gewissheit. Die Arbeitslast der Bauaufsichts­behörden könnte durch die verstärkte Nutzung öffentlicher Urkunden deutlich reduziert werden, denn die Prüfung der darin bekundeten Tatbestände durch die Bauaufsichtsbehörden ist sicherlich nicht erforderlich.

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Andreas Rose

Dr.-Ing. Andreas Rose

Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur
rose(at)oebvi-rose.de