Mein Nachfolger

Büroübergabe

Hin und wieder kommt es vor, dass der FORUM-Redaktion Bücher zur Rezension zugesandt werden. Manche Bücher werden besprochen, andere wiederum nicht, teils aus thematischen Gründen, teils aus Mangel an Rezensionspersonal. Im Februar 2017 lag nun »Meine Familie« in der Post. Autor war Herbert Piepenbrock, ein Berufskollege, heute im Ruhestand. Nach erstem Blättern handelte es sich um die Biografie einer Familie aus Verl im Nordosten von NRW, deren Spross die freiberufliche geodätische Berufslaufbahn eingeschlagen hatte – eigentlich nicht die Art von Fachliteratur, die im FORUM beworben wird.

Nach zweitem und drittem Einlesen stellte sich jedoch heraus, dass das Buch einen voll umfänglichen Abriss des Berufslebens eines Öffentlich bestellten Vermessungsingenieurs darbot: Studium, Referendariat, Berufsalltag und Büroübergabe. Derartige Dokumentationen finden sich nicht ganz so häufig, weshalb die Idee keimte, die vier prägenden Abschnitte, eben Studium, Referendariat, Berufsalltag und Büroübergabe, aus dem Buch zu extrahieren und im FORUM zu veröffentlichen. Weiterhin sollte jedem Abschnitt der Bericht einer Kollegin oder eines Kollegen zur Seite gestellt werden, welche bzw. welcher sich heute in ebendiesem von Herbert Piepenbrock beschriebenen Laufbahnsegment befindet. Diese Idee fand dankenswerterweise die Zustimmung des Autors. Nachdem in FORUM 1/2018 das Studium behandelt wurde, folgt nun, etwas azyklisch, aber thematisch passend zum vorangegangenen Interview, die Büroübergabe an den Nachfolger.

 

Gerne hätte ich eine Sozietät begründet. Vorbild dafür war mein Vater, der in einer solchen eingebunden war. So konnte er sich ganz seinem Notariat widmen, während seine Sozien sich um alles kümmerten, was sonst in einem Büro an Organisation anfiel. Allerdings gab er zu bedenken, auf Dauer funktioniere eine Gemeinschaft Gleichberechtigter nur, wenn alle sich voll engagierten und auch etwa gleich viel leisteten. Nachdem ich ein Jahrzehnt gebraucht hatte, um mein Büro auf- und auszubauen, sah ich mich in der Lage, einen Partner zu verkraften und zu beschäftigen.

 

Ich hatte Anfang 1980 immerhin so viele Aufträge, dass ich zwei Assessoren jeweils für ein Jahr eingestellt habe, um die Arbeit in einer angemessenen Frist zu bewältigen. Außerdem handelte ich damit auch im Sinne meines Verbandes, der ausdrücklich dazu aufgerufen hatte, Nachwuchskräfte einzu stellen. Wie ich dies selbst ja auch absolviert habe, muss jeder solch ein Jahr praktischer Arbeit in einem freien Vermessungsbüro ableisten und nachweisen, bevor er zum Freien Beruf zugelassen werden kann. Nach einem Jahr sind beide Assessoren, wie zuvor vereinbart, wieder ausgeschieden. Einer von beiden machte sich selbstständig, warb dann aber noch zwei meiner Mitarbeiter ab. Dabei gab es natürlich durchaus noch einen wichtigen Aspekt, den man hätte beachten müssen, weil er gerade für mich von Nachteil blieb: der Transfer von Know-how.

Gegen Ende der 80er-Jahre war ich dann aber doch froh, dass Mitarbeiter ausgeschieden waren und sich dadurch mein Personal reduziert hatte. Inzwischen hatte sich Konkurrenz in Gütersloh niedergelassen und ich musste mit ansehen, wie besonders in Gütersloh viele Bauträger zum Kollegen wechselten. Insgesamt wurde in diesem Zeitraum auch weniger gebaut und vermessen, weil der damalige Finanzminister Stoltenberg befand, er könne seine Bauförderung immer weiter einschränken, weil der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend vollendet sei.

Gegen Ende des Jahrzehnts war das Auftragspolster abgearbeitet. Ich hätte auch noch das restliche Personal reduzieren müssen, was jedoch auch hohe Abfindungen gekostet hätte. So hatte ich z. B. mit dem Mitarbeiter und Truppführer, den ich am längsten beschäftigt hatte, überdies eine Kündigungsfrist von einem ganzen Jahr vereinbart. Ich hätte insgesamt mehr aufwenden müssen, als ich leisten konnte, und sah daher meinen Ruin voraus.

Schon in meinen Anfängen hatte ich es mir zur Regel gemacht, jedes Jahr einen Lehrling einzustellen. Diesen konnte ich in aller Regel nicht übernehmen, sie haben aber auch nie Schwierigkeiten gehabt, woanders einen Platz zu finden. Allerdings habe ich meinen eigenen Nachwuchs fast immer aus diesem Kreis gefunden, konnte ich doch einschätzen, mit wem ich es zu tun haben würde. So stammt auch aus diesem Kreis derjenige, der mein Nachfolger werden sollte. Nach seinem Abitur meldete er sich zu einer Ausbildung und ich stellte ihn auch ein. Von vornherein zeigte er Interesse auch am Freien Beruf. Nach der Lehrzeit studierte er Geodäsie in Hannover. Gleichzeitig hielt er immer auch Kontakt zu mir und meinem Büro und half dort während seiner Semesterferien aus. Nach dem Studium und der Ausbildung zum Assessor vervollständigte er seine Ausbildung mit dem praktischen Jahr – natürlich bei mir – und erlangte so die Voraussetzungen für eine Zulassung zum Freien Beruf. Wir haben dann vereinbart, noch fünf Jahre lang zusammenzuarbeiten. Im Anschluss daran bin ich dann – inzwischen 70 Jahre alt – ausgeschieden und er hat mein Büro übernommen.

Ganz so reibungslos und ohne Schwierigkeiten wie geplant ging meine aktive Laufbahn dann aber doch nicht zu Ende. Die Ursache dafür lag aber nicht bei mir oder meinem Nachfolger oder in unserem Verhältnis zueinander, sondern bei meiner Fachauf sicht. Von dort hätte ich Unannehmlichkeiten am wenigsten erwartet, hatte ich doch jahrelang und permanent mit dieser Behörde vertrauensvoll zusammengearbeitet. Umso mehr war ich dann überrascht, als man sich aus Detmold zu einer Sonderprüfung für den 4. August 2011 ankündigte, genau fünf Monate bevor ich aus meiner aktiven Laufbahn ausscheiden sollte. Solch eine Prüfung hatte es meines Wissens weder zuvor noch sonst irgendwo gegeben. Eigentlich hätte ich überhaupt nicht mehr mit einer Geschäftsprüfung rechnen müssen.

 

Den vollständigen Beitrag gibt es hier.

 

 

Andreas Bandow

Dipl.-Ing. Andreas Bandow

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