Liebe Lesende

vor genau zehn Jahren konnte man an genau dieser Stelle folgenden Satz lesen:

»VERMESSEN KANN SO SCHÖN SEIN.«

Vieles, was vor zehn Jahren galt, ist heute längst überholt. Doch stimmt das auch für diesen Satz? Gibt es dieses »Vermessen« von vor 10 oder 20 Jahre überhaupt noch? Geht heute noch jemand mit Theodolit und Bandmaß durch die Botanik (gut, das war dann doch eher vor 100 Jahren der Fall) oder wird heute alles gescannt, beflogen oder geBIMt? Und, wenn das so sein sollte, war es dann wirklich schöner, mit analoger Technik Landaufnahme zu betreiben?

Wahrscheinlich liegt die Frage nach der Schönheit des Vermessens nicht da, wo es um geodätische Erfassungsmethoden geht. Vielmehr sind die Antworten wohl dort zu finden, wo man beginnt, sich als Vermesser zu fühlen. Die Fachwelt steht momentan vor dem riesengroßen Problem des fehlenden beruflichen Nachwuchses auf allen Ebenen und damit auch vor der Aufgabe, auf irgendeinem Weg des Fachkräftemangels Herr zu werden. Man erdenkt neue Tätigkeitsbilder, neue Konzepte und Kampagnen, erfindet möglichst modern und irgendwie hip klingende Berufe und macht sich so, ganz unbeabsichtigt, aber doch stetig, in der Außendarstellung irgendwie zum Geo-Nerd.

Vielleicht ist es ja ein ganz anderer, weil aus der Natur der Sache heraus anachronistisch erscheinender Ansatz, der Erfolg bei den jungen Leuten verspricht?! Vielleicht findet sich die Idee für die Begeisterung des Nachwuchses in der Antwort auf die Frage: »Warum bin ich damals eigentlich Vermesser geworden?« – Und? Wissen Sie es noch?

Weil Sie gerne Bauordnungssynopsen lesen, Ausgleichungsrechnungsklausuren schreiben oder ALKIS®-Parameter anklicken? Ich wage zu behaupten, dass das nicht der Fall war. Höchstwahrscheinlich ging es mit dem Außendienst los. Als junger Mensch zum ersten Mal als Messgehilfe nach einem Grenzstein zu graben und dann in 1 m Tiefe die Flasche zu finden war toll. Dabei zu sein, wenn das ganze Büro im frühen Morgengrauen rausmusste, um den großen Messangriff durchzuführen, war toll. Sich nur mit einer Machete, einem Reflektor und einem Funkgerät durch ein 3 m hohes Maisfeld zu hacken war toll. Das erste Mal auf einer tosenden Baustelle einen riesigen Bagger anzuhalten, weil man dort jetzt messen musste, war – sagen wir es ge meinsam – »toll«. Das, was uns beruflich zu dem gemacht hat, was wir heute sind, begann genau so. Wir sind dem ruppigen Charme und dem uns manchmal umwehenden Duft vom Abenteuer des vermessungstechnischen Außendienstes erlegen. Diese Außendienstromantik, auch wenn das alles schon lange her sein sollte, ist heute noch das, was uns mit unserem Beruf so innig verbindet. Und ÖbVI zu sein heißt, dieses ganze Vermesserding noch einmal deutlich intensiver zu leben und zu erleben.

Natürlich wissen wir, dass der Beruf um ein Vielfaches komplexer geworden ist, dass man mit Fluchtstange und Winkelprisma heute keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Und natürlich macht es Spaß, neueste technische Methoden auszuprobieren, sie für den eigenen Fall zu modifizieren und zu verbessern – wir sind ja schließlich auch Ingenieure! Und selbstverständlich muss man all das auch nach außen tragen, um damit für uns zu werben. Und doch darf man die wilde Außendienstromantik als geodätische Einstiegsdroge nicht unterschätzen. Das haben nicht viele andere Berufe, wir sollten uns dieses Vorteils bewusst sein.

Und darum: Vermessen Sie mal wieder! Sie können es noch, Sie werden sehen. Und es fühlt sich immer noch gut an. Denn: Diese eine Liebe wird nie zu Ende geh’n.

Bleiben Sie verliebt.

 

 

Andreas Bandow

Dipl.-Ing.
Andreas Bandow

bandow(at)bdvi-forum.de