Expertise mit Siegel II

Aus dem Vortrag zum BDVI-Kongress, 3. Juni 2016, Potsdam

Der BDVI ist mit 1.200 Mitgliedern ein kleiner Verband von Frei­beruflern. Trotzdem kann man ohne Eigenlob – denn es kommt aus berufenem Munde – sagen, dass wir ÖbVI im Konzert der Verbände eine anerkannte Rolle spielen. Immer wieder hört man dankbar, dass wir besonders gut organisiert seien, dass wir angesichts der Größe Erstaunliches bewegen und im Agieren als Verband auch Vorbildfunktion haben. Auch dort, wo wir in der Politik angekommen sind, sind wir allerorts positiv besetzt, weil wir nicht nur fordern, sondern den Politikern an der Sache orien­tierte Hintergrundinformationen liefern. Trotzdem sind der Be­ruf der Geodäten im Allgemeinen und der des Öffentlich bestellten Vermessungsingenieurs im Besonderen in der Gesellschaft nicht sehr geläufig. Noch vor Kurzem konnten wir in Gesprächen mit Vertretern des Notarberufes feststellen, dass wir im positiven Sinn noch viel Gesprächsbedarf haben, um gemeinsam berufspolitische Akzente zu setzen.

 

Zu einem gewissen Wahrnehmungsdefizit kommt noch der Nach­wuchsmangel, der uns einiges Kopfzerbrechen macht. Wir ha­ben 50 % zu wenig Nachwuchs zum Erhalt der Berufsträger in den Büros. Wir haben 25 % Unterdeckung beim Ingenieurnach­wuchs und auch auf Ebene der Sachbearbeitung gibt es deutliche Nachwuchsprobleme.

Daran arbeiten wir auf Ebene der bundesweiten Geodäsieverbände BDVI, DVW und VDV im Rahmen der Interessengemeinschaft Geodäsie eng zusammen. Am 4. Juni 2016, just dem Termin unserer diesjährigen Mitgliederversammlung, hat die Deut­sche Geodätische Kommission (DGK) zu einem Tag der Geodäsie aufgerufen, der bundesweit mit diversen Veranstaltungen begleitet wurde.

Die Nachwuchsplattform arbeitsplatz-erde. de ist nicht nur auch auf Englisch verfügbar, sondern im deutschsprachigen Raum zum Exportschlager geworden. Die Entwicklung der Nachwuchs­zahlen zeigt, dass wir insgesamt einen positiven Trend ausgelöst haben. Im Rahmen der Imagekampagne der Geodäsieverbände wurde der Slogan entwickelt: »Präzision, Expertise, Geodäten«, der Oberbegriff für verschiedenste Imagekampagnen geworden ist: Nach den Fachbeiträgen der Geodäten zur Energie­wende und Infrastrukturmaßnahmen war der Dreiklang von Präzision, Expertise und Geodäten auch der Tenor der Kampagene »Eine Karriere – viele Möglichkeiten. Beste Perspektiven für Geodä­ten«. Auch der Slogan der INTERGEO® »Wissen und Handeln für die Erde« ist eine plastische Werbung für unseren Beruf. Im internationalen Bereich hat die FIG den Slogan geprägt: »Good coordination beginns with good coordinates«.

In diesem Umfeld sollten auch wir einen identitätsstiftenden Slogan haben, der sich speziell an unserem Berufsbild orientiert. Unser Tätigkeitsfeld wird oft noch mit dem Vermesser in Gummistiefeln mit rot-weißen Latten am Straßenrand identifiziert. Selbst wenn wir meistens gut zusammenarbeiten, wenn die DGK titelt: »Der traditionelle Landmesser hat ausgedient«, dann ist der Ansatz das Gegenteil von gut, nämlich gut ge­meint. Die Intention ist eine Darstellung, dass ein Geodät viel mehr ist als der sinnbildliche Landmesser mit rot-weißen Latten. Aber der traditionelle Landvermesser hat eben nicht ausgedient.

Wir ÖbVI sind in erster Linie traditionelle Landmesser. Der Kern unseres Berufes ist die Identifikation der örtlichen Grenze. Wir bestimmen, wo die rechtmäßige Grenze draußen vor Ort liegt, wo in Bezug auf diese Grenze ein Gebäude hindarf, wo sich das Grundbucheigentum örtlich manifestiert. Dazu muss man drau­ßen messen, vor Ort sein, und das auch bei schlechtem Wetter in Gummistiefeln. Und beim Grenztermin, bei dem eine Ur­kunde aufgenommen wird, sind wir auch mit den Beteiligten draußen vor Ort und nicht im Büro.

Natürlich benötigen wir kaum noch rot-weiße Latten und nut­zen heute GPS und Drohnen, Feldcomputer und Tablets mit di­gitalen Karten. Unser Berufsbild ist hochmodern, hochtechnisch, aber auch hochjuristisch. Eigentums-, Bau- und Pla­nungs­­recht ist nun mal essenzieller Bestandteil unseres Tuns. Welche tollen und komplexen Aufgaben da anstehen, konnte man nicht zuletzt bei den Plakatvorträgen einiger Kollegen beim BDVI-Kon­gress am 3. Juni 2016 erleben. Trotzdem: Der klassische Land­mes­ser hat nicht ausgedient, sondern beinhaltet unseren Be­rufs­kern. Allerdings reicht dieses Bild tatsächlich nicht, um unseren mo­dernen und anspruchsvollen, am direkten Einzelkunden orien­tierten Beruf zu beschreiben.

Wir haben daher nach einem eigenständigen Slogan gesucht, der das Berufsbild kurz, aber prägnant beschreibt. In unseren Standesregeln, in unseren Berufsordnungen, in unserem Leitbild kommen viele Eigenschaften vor, die Teil der Berufsbe­schrei­bung sind. Man findet Eigenschaften wie Qualität, Vertrauen, Integrität, Präzision, Rechtmäßigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Freiberuflichkeit, Kundennutzen, Amtlichkeit.

Doch wie fasst man dies prägnant zusammen? Wir haben uns auf eine Zusammenfassung der Arbeitsweise und der Qualität mit dem Wort »Expertise« geeinigt, weil dies nach unserer Ansicht unsere Tätigkeit am besten zusammenfast.

Der Staat hat uns beliehen und mit dem Titel »Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur« versehen, weil er uns zutraut, hohe Qualitäts­ansprüche zu erfüllen. Wir haben unsere Expertise nachge­wiesen, um den Titel führen zu dürfen. Die Expertise wird auch regelmäßig kontrolliert. Der Kunde erwartet und bekommt von uns Expertise. Wir können dies viel mehr als andere Berufs­gruppen mit Fug und Recht behaupten.

Weiterhin ist der Kern unseres Berufes die ho­heitliche Vermessung im Rahmen unserer Beleihung. Dafür haben wir ein Siegel bekommen, mit dem wir öffentliche Urkunden siegeln, die einen besonderen Vertrau­ens­schutz genießen. Sie gelten – bis zum Beweis des Gegenteils – als richtig. Das Dienst­siegel verleiht un­serer Expertise einen besonderen Vertrauensschutz, den wir natürlich rechtfertigen müssen, der aber zunächst einmal da ist. Wie gesagt: bis zum Beweis des Gegenteils. Aber auch wenn wir nicht hoheitlich im Sinne der gesetz­lich definierten hoheitlichen Aufgaben tätig sind, haben wir nicht auf einmal einen anderen Mantel an. Wir sind immer noch ÖbVI. Früher hatten wir einmal ein einheit­­li­ches Berufsrecht, das uns Bürokraten aus sogenannten rechts­systematischen Gründen genommen haben. Meine Sicht unseres Berufsbildes ist aber immer noch die, dass der Kunde auch bei nicht hoheit­lichen Aufgaben zu einem ÖbVI kommt, weil er dessen Status vertraut, dass er von ihm die gleiche techni­sche, juristische und fachliche Herangehensweise an sein Problem erwartet wie im hoheitlichen Sektor. Der Kunde kann erwarten, dass wir am Ende unter unser Ergebnis das Dienstsiegel setzen könnten, wenn es denn zulässig wäre. Es gibt am Markt eine Menge Gütesiegel, die nicht hoheitlich sind. Wer, wenn nicht wir, darf in Anspruch nehmen, dass auch unsere nicht hoheit­lichen Leistungen siegel­fähige Qualität haben und ein Gütesiegel tragen? Hinzu kommt noch, dass wir ja in vielen Ländern auch ein Kammersiegel füh­ren und der eine oder andere Kollege ein Siegel als öffentlich bestellter Sachverstän­diger oder als Geschäftsführer eines Umlegungsausschusses.

Daher gilt für unser gesamtes Handeln: Das ist »Expertise mit Siegel: ÖbVI«! Dieses Sinnbild können wir nun herunterbrechen auf jeden Tätigkeitsbereich: Ob Grundstücksvermessung, Bauvermessung, Immobilienwertermittlung, Planung, Fotogram­metrie, Geoinformatik oder anderswo: Wenn wir tätig werden, dann mit Expertise und mit Siegel, sei es hoheitlich oder mit einem eigenen Qualitätssiegel versehen. Wir hoffen, dass dies Akzeptanz findet und die Kollegen dies auch auf ihren Homepages etc. einsetzen. Wir müssen Signale setzen, wer wir sind und was wir können.

 

 

Michael Zurhorst

Autor

Dipl.-Ing. Michael Zurhorst

BDVI-Präsident
zurhorst@bdvi.de