Wie können wir Innovationen beschleunigen als Reaktion auf schneller werdende Veränderungen und wachsende Datenmengen?

Kosten, Zuverlässigkeit und Qualität waren lange Zeit wichtigste Erfolgsfaktoren für Unter­nehmen. Auch für Verwaltung und politische Prozesse galten diese Kriterien. Mit der Glo­balisierung und Digitalisierung stellt sich ein Wandel der erfolgskritischen Faktoren ein: Innovationen im Zusammenspiel von Technologie, Vernetzung und Geschäftsmodell werden zunehmend entscheidend. Innovationszyklen werden kürzer. Zahlreiche neue und kleinere Unternehmen zeigen, dass sie diesem Innovationsdruck mit Flexibilität und neuen Ideen begegnen und erfolgreich am Markt sind.

 

Durch intelligente Auswertung und Vernetzung unterschied­licher Datenquellen entstehen neue Möglichkeiten und Angebote. Der Verbrauch von kostbaren und endlichen Ressourcen kann damit eingedämmt, Umwelt und Klima weniger belastet werden. Dies sind nicht nur aus grüner Sicht enorme Chancen; auch ökonomisch ergeben sich erhebliche Potenziale. Das gilt insbesondere auch für verlässliche Geoinformationen in der Klimaforschung, vor allem in Zeiten, in denen rechtspopulis­ti­sche Politiker, allen voran der US-Präsident und seine Berater, den Klimawandel negieren.

In Deutschland lassen wir einen großen Datenschatz brachlie­gen: den der öffentlichen Verwaltung. Open Data bedeutet, dass amtliche Dokumente und andere Informationen nicht erst auf Anfrage, sondern proaktiv von den Behörden veröffentlicht wer­den. Ziel muss die möglichst umfängliche und zeitnahe Be­reit­stellung von Rohdaten in maschinenlesbarer, technikneutraler und lizenzfreier Form sein. Dabei müssen wir sicherstellen, dass der Datenschutz gewahrt bleibt und nur anonymisierte Informationen zugänglich gemacht werden. Auf diese Weise wird die Weiterverwendung der Daten ermöglicht und vor allem ihr wirtschaftliches und wissenschaftliches Potenzial zur Entfaltung gebracht. 

Die Bedeutung offener Daten kann kaum hoch genug einge­schätzt werden. Das gilt sowohl bezüglich eines transparenten Staates, dessen Handeln nachvollziehbar für die Bürgerinnen und Bürger ist, aber auch für wirtschaftliche Innovationen. Immense Chancen, auf die wir Grüne seit Langem hinweisen und die zahlreiche andere Staaten längst erkannt haben. Doch Deutschland liegt auf dem Open Data Index 2016 (der Open Knowledge Foundation) auf dem 26. Platz, einem der hinteren Plätze der Industrienationen. Im Vergleich zu 2015 fiel Deutschland um 15 Plätze zurück, vor allem aufgrund mangelnder Trans­parenz bei Regierungsdaten, Daten zu Wasserqualität und Wettervorhersagen. Die Chancen, die Open Data für Demokratie und Wirtschaft bietet, werden von der Bundesregierung offenbar noch immer nicht gesehen.

Gerade für die Zukunft des Mobilitätssektors, der in den letz­ten 25 Jahren kontinuierlich für mehr als 20 % der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, spielt die Verknüpfung verschiedener Datenquellen auf der Basis verlässlicher Geo­informationen eine wesentliche Rolle. So lassen sich die tief greifenden Veränderungen, die im Mobilitätssektor bevorstehen, analysieren und zugleich die Chancen aufzeigen, dem Verkehrs­kollaps zu entgehen. So kann z. B. mit einer Flotte von über das Internet gesteuerten Kleinbussen ein Großteil der priva­ten Autos, die die Straßen in den Städten verstopfen und in der Flä­che die Umwelt belasten, ersetzt werden. Konkret wurde in ei­ner OECD-Studie der Stadtverkehr in Lissabon untersucht. Nach dieser Studie können nur 30 Taxibusse mit Platz für 8 bis 16 Per­sonen insgesamt 970 Autos ersetzen – also drei Taxibusse anstel­le von 100 Autos. Ein solcher »nachfrageorientierter öffent­licher Verkehr« fußt auf dem Zusammenspiel von anony­mi­sier­ten Pkw- und Mobilfunkdaten, die mit Daten der ÖPNV-Unter­neh­men angereichert werden. Als weitere Grundlage die­nen Geodaten, die durch gezielte Kooperationen erhoben werden. Beispiels­weise mit der Initiative Open Street Map, bei der Freiwillige mit ihren Smartphones einzelne Metropolen vermes­sen. So können fixe Fahrpläne, Routen oder Stopps überflüssig werden. Doch hierfür braucht es die notwendigen Rahmenbedingungen: eine zeitgemäße Infrastruktur, eine ernst zu­ neh­men­de Open-Data-Strategie und eine konsequente Digitalisie­rungs­offensive für unsere Verwaltung.

Ein basaler Baustein ist die digitale Infrastruktur in Deutschland. Die Bundesregierung hat den Breitbandausbau lange vernachlässigt. Das Ergebnis sind ungleiche Wettbewerbsbedingungen, je nachdem, wie hoch die tatsächliche Übertragungs­rate in der Region eines Unternehmens ist. Gerade im Planungs- und Aus­schreibungswesen, wo Planungsdaten mit hohen Volumina gän­gig sind, schafft das unfaire Voraussetzungen. 

Die Veröffentlichung von Verwaltungsdaten darf aber keine Einbahnstraße sein. Vielmehr brauchen wir digital agierende und zugleich lernende Politik- und Verwaltungsstrukturen. Sie müs­sen in die Lage versetzt werden, die schiere Daten- und Informationsmenge – Big Data – zu vernetzen, zu verarbeiten und zu verwerten. Vor allem müssen auch Politik und Verwaltung sich auf stark verkürzte Lernzyklen einstellen.

Dieser Impuls kann, wie bereits dargestellt, von externer Seite kommen, indem wir Verwaltungshandeln transparenter ma­chen. Zugleich brauchen wir eine Abkehr von linearen internen Ent­scheidungsprozessen. Zu groß sind die Ängste vor einem Irrtum, der nach seiner Implementierung erst viel später revidiert wird. Eine Lösung bietet die stärkere Konzentration auf Pilotpro­jekte. Bei der Frage, wie die deutsche Wirtschaft den Schritt zur vernetzten Wirtschaft 4.0 schafft, ist die Antwort aus den Reihen der Wirtschaftspolitik häufig: Geht Kooperationen mit Start-ups ein! Probiert etwas in einem begrenzten Pilotprojekt aus! Oft findet dies in sogenannten Innovation Labs statt, in denen neue Ideen mit geringem Aufwand entwickelt und in der Pra­xis getestet werden. 

in solcher Raum für Innovationen, der einen Weg über Versuch und Irrtum zulässt, neuen Ideen Entfaltungsraum gibt und das Risiko eines Misserfolgs auf ein tragbares Minimum redu­ziert, täte Deutschland auch in Politik und Verwaltung gut. So können auch politische Entscheider und Verwaltung in die Lage versetzt werden, von digitalen Innovationsimpulsen, von Vernetzung und Technologie zu profitieren.

 

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Hier gelangen Sie zu den Beiträgen von Sabine Poschmann und Astrid Grotelüschen.

 

 

Thomas Gambke

Autor

Dr. Thomas Gambke, MdB 
Mittelstandsbeauftragter Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen 
thomas.gambke(at)
bundestag.de