Und jährlich grüßt das Murmeltier?

Weiß man, wenn man am Tag nach dem Neujahrsempfang erwacht, welches Jahr eigent­lich begonnen hat? War also dieser Abend am 24. Januar in der Beuth-Halle ein anderer Abend als die Jahre zuvor? Ist das Thema Digitalisierung radikal oder Massenge­schmack?

Jedes Jahr fragt man sich als Autor nach geringem zeitlichem Abstand zum Ereignis wieder, ob man nicht einfach mal ein paar Zeilen aus den Vorjahren zusammenfügt und auch die alten Fo­tos neu drapiert. Was soll schon passieren? Oder: Was war schon passiert? Werden nicht immer die gleichen Zeit­genossen ge­laden – sowohl hinter als auch vor dem Rednerpult? Auch die Kacheln der Beuth-Halle spiegeln das Veran­staltungslicht auf gleiche Art und Weise wider.

Die Vermutung liegt nahe, dass viele deutsche Bürger vor et­licher Zeit auch Helmut Kohls Neujahrsansprache im Fernsehen durchgängig goutiert hätten, wenn er nicht am Ende Glückwünsche für das falsche Jahr gewünscht hätte. – Irgendetwas scheint dieser Termin am Jahresanfang ja zu ha­ben. Ansonsten wäre der Ort nicht wieder so gut mit Menschen gefüllt gewesen. Aus Ehrgefühl oder Pflichtbewusstsein hat sich wohl keiner auf den Weg gemacht.

Stellt der BDVI den Gästen hier eine konservative Veranstaltung zur Verfügung oder glänzt er mit abgefahrenen Themen oder Umgebungen?

Viele sagen: Der Neujahrsempfang ist eine bewahrende Ange­legenheit, ein Wohlfühltermin. Hier wird am Jahresanfang noch nicht gehetzt, sich aber der Realität nicht verwehrt. Man freut sich auf die gleiche Umgebung und die gleichen Menschen, so wie man sich auf die gleiche Bratwurst mit Sauerkraut in Omas Stube freut, aber trotzdem bemerkt, dass Oma nicht jünger wird.

Die Beuth-Halle ist Omas Stube, das kann man so sagen. In ­die­­se Räumlichkeit zog aber das Mysterium Digitalisierung ein. Be­vor zum Kongress im Mai diskutiert werden kann, wie weit der ÖbVI und sein Verband schon bei diesem Thema gekommen sind, sprach Prof. Thomas Leich von der Hochschule Harz über Fluch und Segen der Digitalisierung für die deutsche Ingenieurs­kunst.

Es war kein Nerd geladen. Das war angenehm. Er konstatierte: War die Digitalisierung früher ein Hilfsmittel in der Wertschöpfungskette, durchzieht sie morgen die Kette vom Anfang bis zum Ende. Da des Öfteren von Gewinnern und Verlierern die Re­de war, er­kannte man eine gewisse Dramatik im Thema.

Wer schöpft z. B. den Mehrwert in der Landwirtschaft in Zu­kunft ab: der Traktorenhersteller, der Düngemittelbetrieb, der GIS-Hersteller, vielleicht etwa der Bauer selbst? Leich gab zu be­denken: Wer von diesen Beteiligten die Daten besitzen wird, hat die Vormachtstellung auf dem Acker.

Er hielt die eierlegende Wollmilchsau in die Höhe. Vielleicht exis­tiert der Bauer demnächst nicht mehr und die Trecker-GIS-Chemo-Kompanie 24 lässt ihr Aggregat tagein, tagaus über die Felder flitzen. Schon heute verkauft ein ehemaliger Online-Buch­händler auch Waren von Firmen, die er selbst gekauft hat.

Man kam schon fast ins Philosophieren. Gibt es demnächst noch Neujahrsempfänge? Welcher Algorithmus organisiert und betreibt diese Abende? Erlebt diese Form möglicherweise eine neue Wertigkeit, weil sie die einzige ist, bei der noch ge­menschelt werden kann (und darf)?

Eingeleitet wurde der Abend klassisch (bewahrend) von den Spitzenvertretern der Landesverbände des BDVI. Beide ergänz­ten sich prächtig, weil der eine aus der Metropole und der an­dere vom Lande berichtete.

So referierte Manfred Ruth aus Berlin über eine weiterhin enorm prosperierende Hauptstadt, in der die Steuergelder sprudeln, aber die in den schlechten Jahren abgewanderten Fachkräfte nun fehlen. Die Wertschätzung von Leistung, sowohl der Arbeits­leistung als auch der Werkleistung, steigert für ihn besonders die Attraktivität des Berufes. Recht und Technik – wo gibt es sonst noch so eine Verquickung!

Auch eine abgesenkte Verwaltung müsse endlich wieder hoch­gefahren werden, sonst werde der Mensch zum Wolf, so seine Worte.

Peter Hartmann, Vizevorsitzender in Brandenburg, blieb aus­schließlich beim Fachkräftemangel in seinen Ausführungen. Als Randbrandenburger bekomme er besonders deutlich mit, wie fehlender Breitbandausbau sowohl die Attraktivität des Ver­bleibens in der Heimat als auch die Demokratiefestigkeit an sich schmälert.

Für Hartmann beginnt die eigentliche Aufgabe schon in der Schule. Schon von dorther kommen zu viele mangelhafte Bewer­ber. Vieles hatte man schon im vergangenen Jahr dazu ge­hört, aber nicht so deutlich und im Detail. Man hatte schon ei­ne Ahnung, dass das Problem zumindest nicht größer geworden ist.

Ein neues Gesicht war mit der Berliner Senatorin für Stadtent­wicklung und Wohnen, Katrin Lompscher, erschienen. Wiederholt gern der Einladung folgte die Staatssekretärin im Innenministerium Brandenburgs, Katrin Lange. Erstere schrieb ihrer Stadt ins Buch, dass sie sich nichts aussuchen könne, sondern abarbeiten müsse. Lange kündigte die baldige Eröffnung eines Vermessungsportals als weiteren Digitalisierungsbaustein an. Wenn Herausforderungen wie Digitalisierung und Fachkräftemangel weiterhin bestehen, müssen sie weiterhin angesprochen werden. Das mag dem einen oder anderen zum Halse hinaus­hängen, ändert die Sachlage aber leider nicht. Genau darauf wurde mit dieser Veranstaltung wieder hingewiesen.

Sorgenfalten waren nur hier und da mal zu erkennen. Wer bil­det denn schon immer aus? Wer beschäftigt sich denn schon lan­ge mit digitaler Messtechnik und Datenverarbeitung? Also bitte!

Und wenn Speis und Trank auf dem Neujahrsempfang gereicht werden, darf der Kopf ruhig mal geschlossen werden.

Fotos und Text werden auch 2019 wieder aktuell sein, weil es erneut einen anderen Empfang geben wird – versprochen! Von menschelnden Geladenen soll auch wieder die Rede sein.

 

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Markus Kriesten

Dipl.-Ing.
Martin Ullner

FORUM-Redaktion
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