(Un)begrenzte Dachüberstände und Abstandsflächen

Mit Abstand betrachtet

Vor die Gebäudeaußenwände tretende Bauteile lösen unter bestimmten Voraussetzungen keine Abstandsflächen aus. Seit in der Musterbauordnung 2002 die früheren Zulässig­keits­merkmale für diese Ausnahmeregelung ersatzlos gestrichen wurden, ist es an dieser Stelle mit der viel beschworenen Einheitlichkeit im Abstandsflächenrecht vorbei. Die infolge der ­fehlenden Maßobergrenze zu beobachtende inhomogene Rechtsanwendung ist Anlass für eine Auseinandersetzung mit der abstandsflächenrechtlichen Vergünstigung für Dachüberstände.

MBO 1981 / MBO 1997

Früher war die Welt noch in Ordnung! In Übereinstimmung mit den seinerzeitigen Musterbauordnungen vom 11. Dezember 1981 (MBO 1981) und vom 5. Dezember 1997 (MBO 1997) sahen die Landesbauordnungen nahezu einheitlich feste Maßvorgaben für die Anrechnung von Dachüberständen vor. Vor die Außenwand tretende Bauteile wie Gesimse, Dachvorsprünge, Blumen­fenster und Hauseingangstreppen blieben bei der Bemessung der Abstandsflächen immer dann außer Betracht, wenn sie nicht mehr als 1,50 m vortraten und mindestens 2,00 m von den Nach­bargrenzen entfernt waren. Die Regelung war eindeutig und je­der wusste, woran er war. Klare Schranken und Begrenzungen sorgten für sichere Rechtsanwendung.

Inhaltliche Abweichungen gegenüber dem Muster ergaben sich in den Landesbauordnungen meist dadurch, dass neben die Tie­fenbegrenzung als zusätzliche Anforderung trat, dass es sich im Verhältnis zur zugehörigen Außenwand ausdrücklich um unter­geordnete Bauteile handeln musste (z. B. NBauO 1986, BayBO 1997, BbgBO 2003; bis heute: BauO NRW, HBO, LBO BW).

In Berlin wurde hingegen die ursprüngliche Bestimmung, dass vor­springende Bauteile den erforderlichen Grenzabstand bis zu ei­nem Drittel, höchstens jedoch um 1,50 m unterschreiten dürfen (§ 7 Abs. 3 BauO Bln 1971), mit der Neufassung vom 28. Fe­bruar 1985 zunächst gänzlich fallen gelassen, bevor dann zu­min­dest mit dem Siebenten Gesetz zur Änderung der BauO Bln vom 19. Oktober 1995 u. a. »zum Schutz nachbarlicher Belange« ein maximaler Grenzabstand von 2,00 m eingeführt wurde (AH-Drs. 12/5688, S. 8).

Vor die Außenwand vortretende Bauteile wie Gesimse, Dachvorsprünge, Blumenfenster, Hauseingangstreppen und deren Überdachungen und Vorbauten, wie Erker und Balkone, bleiben bei der Bemessung der Abstands­flächen außer Betracht, wenn sie nicht mehr als 1,5 m vortreten. Von den Nachbargrenzen müssen sie mindestens 2 m entfernt bleiben.
§ 6 Abs. 7 MBO 1997

MBO 2002

Mit der Neufassung der Musterbauordnung vom 1. November 2002 (MBO 2002) wurden die bislang im Wesentlichen unver­ändert gebliebenen Abstandsregelungen umfassend überarbei­tet und insbesondere in den Bemessungsvorschriften geändert. Bei den für die Abstandsflächenberechnung unbeachtlichen Bau­teilen und Vorbauten wurde eine deutlichere Abgrenzung zwi­schen vortretenden Bauteilen und der Fallgruppe der vor die Außenwand gesetzten Vorbauten vorgenommen. Während für die in § 6 Abs. 6 Nr. 2 genannten Vorbauten nach wie vor kon­krete Maßvorgaben hinsichtlich ihres Vortretens greifen, werden für die unter § 6 Abs. 6 Nr. 1 begriffenen Bauteile (Dach­über­stände und Gesimse) keinerlei Höchstmaße mehr genannt. Ebenfalls abweichend von der bisherigen Regelung wird zudem auf die Festlegung eines maximalen Grenzabstands verzichtet, der bislang 2,00 m betrug.

 

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Frank Reichert

Dipl.-Ing.
Frank Reichert

BDVI-Geschäftsstellenleiter Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt
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