Studentenleben in München

Geodäsiestudium damals und jetzt

Hin und wieder kommt es vor, dass der FORUM-Redaktion Bücher zur Rezension zugesandt werden. Manche Bücher werden besprochen, andere wiederum nicht, teils aus thematischen Gründen, teils aus Mangel an Rezensionspersonal.

Im Februar 2017 lag nun »Meine Familie« in der Post. Autor war Herbert Piepenbrock, ein Berufskollege, heute im Ruhestand. Nach erstem Blättern handelte es sich um die Biografie einer Familie aus Verl im Nordosten von NRW, deren Spross die freiberufliche geodätische Berufslaufbahn eingeschlagen hatte – eigentlich nicht die Art von Fachliteratur, die im FORUM beworben wird.

Nach zweitem und drittem Einlesen stellte sich jedoch heraus, dass das Buch einen voll umfänglichen Abriss des Berufslebens eines Öffentlich bestellten Vermessungsingenieurs darbot: Studium, Referendariat, Berufsalltag und Büroübergabe. Derartige Dokumentationen finden sich nicht ganz so häufig, weshalb die Idee keimte, die vier prägenden Abschnitte, eben Studium, Referendariat, Berufsalltag und Büroübergabe, aus dem Buch zu extrahieren und im FORUM zu veröffentlichen.
Weiterhin sollte jedem Abschnitt der Bericht einer Kollegin oder eines Kollegen zur Seite gestellt werden, welche bzw. welcher sich heute in ebendiesem von Herbert Piepenbrock beschriebenen Laufbahnsegment befindet.

Diese Idee fand dankenswerterweise die Zustimmung des Autors und wir freuen uns, die vier teilige Miniserie in FORUM 1/2018 mit dem Thema Studium zu beginnen. Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Herrn Philip Wehmeyer, der seine Erfahrungen zum Studium in heutiger Zeit zu Papier gebracht und dem FORUM zur Verfügung gestellt hat. Viel Erfolg weiterhin!

 

... schließlich entschied ich mich, Vermessungsingenieur zu werden. Diesen Beruf hatte ich selbst gar nicht gekannt, sondern lediglich mein Vater. Nur er kannte Leute, die ihn ausübten und mit denen er als Notar zusammenarbeitete, und er hat mich auf diesen Beruf aufmerksam gemacht.

 

Zum Studium wollte ich nicht unbedingt in heimatlicher Nähe weilen, weswegen ich mich bei der damaligen Technischen Hoch­schule in München bewarb. Berlin hätte mich auch gereizt, ha­be es aber wegen seiner isolierten Lage damals, mitten im Be­reich der DDR, ausgeschlossen. Unterschlupf fand ich als Unter­mieter bei einem älteren alleinstehenden Ehepaar in der Donnersbergerstraße. Meine Kommilitonen wunderten sich, dass ich mit 100 DM Monatsmiete recht viel für diese nicht gerade berauschende Wohnlage zahlte. Der starke Verkehr auf dieser Straße hat mich dann aber kaum gestört, habe ich doch mein Zimmer kaum mehr als zum Schlafen genutzt. Gern erinnere ich mich auch noch an ein Wirtshaus meiner Wohnung gegenüber, wo man einen Schweinebraten mit Klößen für 2,50 DM essen konnte, so preiswert, wie ich es auch in München nirgends sonst mehr angetroffen habe.

In den Alltag startete ich gewöhnlich mit dem Fahrrad, um von meiner Wohnung zur Technischen Hochschule zu gelangen. Schon damals war der Königsplatz gesperrt für Autos. Überhaupt war man damals schon in der Münchner Innenstadt am schnellsten mit dem Rad unterwegs. – Den größten Teil eines jeden Tages hielt ich mich dann innerhalb meiner TU auf, nicht allein zu den Vorlesungen und Praktika, auch zum Zeichnen und Rech­nen fuhr ich dorthin. Ich benutzte einen eigenen kleinen Zei­chentisch in einem großen Saal. Hier konnte ich mich aufhalten und arbeiten, wenn gerade keine Vor­lesung stattfand.

Vorlesungen gab es für alle Anfänger wie mich gemeinsam mit den Studenten aller anderen ingenieurtechnischen Fachrichtungen im »großen Hörsaal« mit 850 Plätzen. So hatten wir drei Semester lang jeden Tag eine Vorlesung in höherer Mathematik mit Schwerpunkten auf Infinitesimalrechnung (Differenzial- und Integralrechnung) und auf (dreidimensionaler) Vektorrechnung. Jedenfalls machte uns allen schon das Tempo zu schaffen, in dem der Stoff zum Lernen vorgetragen wurde. Bei manchen Vorlesungen reichte das reguläre Angebot an Plätzen im Hör­saal nicht aus. Anstelle der vorgesehenen 850 drängten dann bis zu 1.000 Studenten in den Saal.

Speziell für uns Vermesser allein gab es nur wenig Vorlesungen. Da­zu zählte neben der Trigonometrie eine allgemeine Ver­mes­sungs­­kunde, die den Rahmen dessen sprengte, was auch die Bau­ingenieure lernen mussten. Am anspruchsvollsten war in diesem Zu­sammenhang das Fach der dreidimensionalen Diffe­renzialgeometrie.

Neben der Theorie kam auch die Praxis nicht zu kurz. Dazu zähl­ten Übungen an Geräten für die Ausmessung von fotografi­schen Aufnahmen oder speziell im Sommer an den neusten Ge­räten z. B. für die kartografische Aufnahme im Gelände. Das ließ sich nicht in der Innenstadt erledigen und wir fuhren daher jede Woche einmal für einen Nachmittag mit der Eisenbahn in die Eichenau, eine Bahnstation in Richtung Buchloe/Bodensee. Dort besitzt die TH ein Versuchsgut ihrer Landwirtschaft­lichen Fakultät, der auch wir als Vermesser angehörten.

Die Mess­resultate, die man im Feld ermittelt hat, bilden im Allgemeinen noch nicht den Endzweck. Dann beginnt meist noch ein Innendienst zu Hause. Dort geht man dann daran, die Be­o­b­achtungen auszuwerten, etwa ein Gelände kartografisch dar­zustellen oder von Geländeteilen mit definierten Umringsgren­zen die Flächen zu ermitteln. Wir erlebten damit auch, wie Vermessen immer nur gemeinschaftlich gelingen kann und wie so ein Gefühl erzeugt wurde, zusammenzugehören und aufeinander angewiesen zu sein.

Unsere gemeinsamen Praktika und Übungen von damals wirken noch über die Zeiten als Studenten hinaus. So treffe ich mich heute noch sporadisch mit meinen damaligen Semesterkame­raden. Das gilt für München, wo ich unsere Gemeinschaft nach zwei Jahren verlassen habe, genauso wie für Bonn, wo ich anschließend ebenfalls zwei Jahre lang studiert habe.

 

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Herbert Piepenbrock

Herbert Piepenbrock

Jahrgang 1941, hat Ostern 1960 dasAbitur abgelegt und begann im selben Jahr sein Geodäsiestudiuman der TU München. Nach dem Vorexamen wechselte er an die Uni Bonn, wo er 1964 sein Studium abschloss. Ab Januar 1965 absolvierte der Autor sein Referendariat in Detmold, leistete imAnschluss sein praktisches Jahr ab und wurde im November 1968 als Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur zugelassen. Nach 43 Jahren als ÖbVI beendete Piepenbrock seine aktive Zeit und übergab das Büro im Januar 2012 an seinen Nachfolger.