Qualifikationsrahmen in der Geodäsie – Wie viel Ingenieur muss sein?

Glaubt man Dr.-Ing. Dieter Zetsche, dem Vorsitzenden des Vorstands der Daimler AG, dann ist »ein Dipl.-Ing. vor dem Namen wie ein Stern auf der Haube: ein Markenzeichen für höchs­te Qualität«. Auch mit weniger Pathos lässt sich der Titel mit einem gewissen Stolz führen, ist er doch im In- und Ausland verbunden mit einer hohen fachlichen Anerkennung des Trägers. Es gab und gibt deshalb viele Gründe, die Abkehr vom lieb gewonnenen Diplom-Ingenieursstudiengang im Rahmen des sogenannten Bologna-Prozesses zu kritisieren. Die Sorge um eine Aufweichung und Verwässerung der mit dem Titel verbundenen Qualifikationen führt bis heute zu der ständigen Hinterfragung, wie viel Ingenieur zukünftig noch in einem Bachelor oder Master stecken wird.

 

Und diese Sorge ist durchaus berechtigt. Allein die schiere Zahl an Studiengängen macht eine inhaltliche Vergleichbarkeit zu­neh­mend schwer. Innerhalb weniger Jahre ist die Anzahl von Studiengängen und damit der möglichen Studienabschlüsse um 50 % gewachsen. Auch auf dem Markt der Abschlüsse mit Geo­bezug ist dies festzustellen. Sind die Masterabschlüsse der Universitäten in Nachfolge der ehemaligen Universitätsabschlüs­se als Diplom-Ingenieur für Vermessung noch nachvollziehbar sehr ähnlich, so sind insbesondere die Bachelorabschlüsse in Nachfolge des ehemaligen Diplom-Ingenieurs (FH) höchst diversifi­ziert und durch etliche neue Studiengänge in vielen Fächer­kombinationen ergänzt worden. Nicht überall, wo »Geo« draufsteht, ist ein Geodät drin.

Sicher ist, dass der Bologna-Prozess nicht umkehrbar ist. Trotzdem kann und muss man für eine Referenzdefinition kämpfen, welche Ausbildung einem Vermessungsingenieur entspricht oder berechtigt, den Titel Vermessungsingenieur zu führen. Diese Definition erfolgt in den Ingenieurgesetzen der Bundesländer, die den Titelschutz »Ingenieur« regeln. Nach den gängigen Vorstellungen im Entwurfsstadium der aktuell in Planung befindlichen Ingenieurgesetze darf sich jemand (Vermessungs-)Ingenieur nen­nen, der 50 % des Bachelorstudiums mit ingenieurwissen­schaftlichen Inhalten verbracht hat oder in seinem zehnsemes­trigen Masterstudium nur drei Semester Ingenieurinhalte im Bachelorstudium gehört hat. Nach unserer Auffassung ist dies keine ausreichende Voraussetzung für ein freiberufliches Wirken und schon gar nicht für die Zulassung zum ÖbVI. Auch Nachwuchsprobleme können kein Alibi dafür sein, den Qualitäts­­anspruch derart zu senken.

Nun haben wir den Regelfall des Referendariats und die Zulassung zum Referendariat ist – bisher – an höhere Anforderungen geknüpft. Im Ansatz besteht aber die Gefahr, dass ein Bachelor mit drei Semestern Ingenieurausbildung und entsprechender Be­rufserfahrung diese bisherige Regelausbildung ersetzen kann. Der Entwurf eines Deutschen Qualifizierungsrahmens (DQR) zur Definition des Wissens und der Fähigkeiten, die Vermessungsingenieure bzw. Geodäten haben sollen, ist deshalb von höherer Bedeutung, als man zunächst meinen könnte. Denn ein DQR Vermessung kann und wird auch ohne rechtliche Verbindlichkeit ein Quasistandard für die Definition des Vermessungsingenieurs sein.

Der DQR als deutsches Pendant zum »Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQF)« ist direktes Ergebnis des Bologna-Prozesses. Da dieser auf die internationale Vergleichbarkeit von Studiengängen abzielt, mussten Wege gefun­den werden, um die gegenseitige Anerkennung von Qualifikationen in Europa zu vereinheitlichen. Der DQR ordnet berufliche Qualifikationen in einem achtstufigen System ein, die Einstufung in den hier relevanten Ingenieurstudiengängen erfolgt dabei auf der Grundlage von Beschreibungen von Lernergebnissen der ge­samten Ausbildung, basierend auf der Zusammenfassung von Lernergebnissen einzelner Module. Stufe 6 entspricht dem Bachelor, Stufe 7 dem Master und Stu­fe 8 der Promotion. Der aka­de­mische Abschluss wurde dabei von der Führung einer gesetzlich geschützten Berufs­be­zeichnung entkoppelt, was den Hoch­schulen eine größere Freiheit in der Leh­re einbrachte, konsequen­ter- und rich­tigerweise aber auch zum Verlust des unmittelbaren Definitionseinflusses auf die Aus­­bildungsziele als breite Berufsgrundlage führte.

Nun ist es so, dass der Ingenieur als Freier Beruf im Allgemeinen auf der Grundlage besonderer Qualifikation oder schöpfe­rischer Begabung die persönliche, eigenverantwortliche und fachlich unabhän­gige Erbringung von Dienstleistungen hö­herer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt hat.

Der Beruf kann selbstständig oder angestellt ausgeübt werden und unterliegt im Allgemeinen keinem besonderen Berufsaus­übungs­­recht. Die fachliche Weitläufigkeit der Ingenieurberufe und Tä­tigkeiten macht es genau deshalb erforderlich, Grundsätze in Ausbildungsinhalten und beruflichen Kompetenzen zu be­schreiben.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion hat der BDVI auf der INTER­GEO® 2016 in Hamburg die Debatte über die geschützte Berufsbezeichnung »Ingenieur« im Bereich der Geodäsie aufgegriffen, die seit geraumer Zeit zwischen Ausbildungs- und Berufsträgern aus Verwaltung und Wirtschaft geführt wird. Die lebhafte und durchaus kontroverse Diskussion kann an dieser Stelle nicht umfassend wiedergegeben werden, ausgewählte Statements der Podiumsteilnehmer können und sollten aber eine Grundlage für die weitere Diskussion sein.

Ganz grundsätzlich schwang die Frage mit, wie sich die inhalt­lichen Forderungen an einen ingenieurwissenschaftlichen Abschluss in einem Qualifikationsrahmen beschreiben lassen. Ob die aus dem Bologna-Prozess hervorgegangenen Studiengänge aus Sicht des Berufsstandes letztlich zu einem Abschluss führen, der dazu berechtigt, Vermessungsingenieur zu sein, hängt aber auch davon ab, wie die Vermessungsverwaltungen den veränderten Ausbildungsformen begegnen. Werden in Zukunft noch klassi­sche Vermessungsingenieure gebraucht? Braucht nicht zumindest der Markt für freiberufliche Vermessungsbüros definierte – möglichst hohe – Qualifikationsanforderungen und Kompetenzen für Vermessungsingenieure? ...

 

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Ruediger Holthausen

Autor

Dipl.-Ing. Michael Zurhorst
BDVI-Präsident
zurhorst(at)bdvi.de