Neuer Raumbezug 2016 für Deutschland

Ein FORUM-Interview

Mit dem Raumbezugs 2016 wird die integrierte Sicht auf alle Komponenten der Grundlagenvermessung neu strukturiert, basierend auf zeitgleichen Mess­kampagnen zwischen 2006 und 2012. Die deutlich verbesser­ten Genauigkeiten des Deutschen Haupthöhennetzes DHHN2016 und des Quasigeoids ermöglichen einen Qua­litätssprung in der Anwendung der GNSS-Technik (SAPOS®), insbesondere für die Bestimmung der Gebrauchshöhe. Um den diesbezüglichen Mehr­wert voll zu erschließen, ist die Überführung bestehender Höhen(netze) in das DHHN2016 erforderlich.

Mit dem scheidenden Leiter des AdV-Arbeitskreises Raumbezug Cord-Hinrich Jahn und dem zum 1. Januar 2017 gewählten Nachfolger Jens Riecken sprach die ­FORUM-Redaktion im Rahmen der INTERGEO® 2016.

 

FORUM | Herr Riecken, zeitgleich mit der Einführung des neuen Raumbezugs 2016 in Deutschland übernehmen Sie die Leitung des AdV-Arbeitskreises Raumbezug zum 1. Januar 2017. Was steht ganz oben auf Ihrer Agenda?

Dr.-Ing. Jens Riecken | Zum Startdatum 1. Dezember 2016 wird der Raumbezug 2016 »scharf geschaltet« und soll bis zum 30. Juni 2017 flä­chendeckend in allen Komponenten deutschlandweit eingeführt wer­den. Das Verständnis für den geodä­ti­schen Raumbezug hat damit kon­zeptionell und messtechnisch einen Qualitätssprung vollzogen. ­Jetzt gilt es, dieses wirklich ein­malige Projekt, an dem übrigens auch viele ÖbVI in Nord­rhein-Westfalen mitgewirkt haben, der Nutzung und dem Mehr­wert zuzuführen.

Dr.-Ing. Cord-Hinrich Jahn | Das AdV-Projekt »Wiederholungs­mes­sungen im Deutschen Haupthöhennetz, kurz DHHN«, ist die mess­tech­nische Grundlage für unser neues Verständnis vom »integrierten geodätischen Raumbezug«. Wir verstehen darunter die erstmalige ganz­heitliche Betrachtungs­weise der bislang getrennten geo­me­trisch und physikalisch de­finierten Komponenten. Konkret sind dieses die 3-D-Positionen, Höhen- bzw. Schwerewerte. Mit dem Raumbezug 2016 steht faktisch eine aktuell bestmögliche Georeferenz zur Verfügung.

FORUM | Also ein eher theoretisch relevantes Ergebnis?

Riecken | Ganz und gar nicht! Als eine Komponente des Raumbezugs 2016 steht ein deutlich verbessertes Quasigeoid, das sogenannte GCG­2016, zur Verfügung. Es bildet die Klammer zwischen den von Herrn Jahn erwähnten geometrischen und phy­si­kalischen Komponenten des geodätischen Raumbezugs. Konkret heißt das, dass mit SAPOS®, also mit GNSS, wesentlich genauere Normalhöhen als Gebrauchshöhen be­stimmt werden können. Hierzu werden wir das verbesserte Quasigeoid zum 1. Dezember 2016 als Teil der SAPOS®-Dienste bereitstellen. Generell er­warte ich, dass die Genauigkeit der mit SAPOS® bestimmten Gebrauchs­höhe im Bereich weniger Zentimeter liegen wird, also mehr oder weniger gleich der messtechnischen Genauigkeit eines Echtzeit-GNSS-Verfahrens.

FORUM | Was ist dabei zu beachten?

Jahn | Ich erwähnte den integrierten geodätischen Raumbezug. Die von Herrn Riecken beschriebene Genauigkeitssteigerung basierte auf der Einführung des Höhenbezugsrahmens DHHN2016 und dessen Nutzung. Alle Bundesländer werden das DHHN2016 bis Ende Juni 2017 einführen.

Die Änderungen betragen deutschlandweit plus/minus 35 mm zum DHHN92, also dem bisher noch aktuellen Höhenbezug, und sind damit nicht zu vernachlässigen. Alle Landeshöhen werden aufgrund der Neuberechnung in das DHHN2016 überführt bzw. transfor­miert. Dem Nutzer, beispielsweise dem ÖbVI, ist zu empfehlen, den Wechsel ins DHHN2016 frühzeitig mitzugehen. Erst hierdurch werden die aufgezeigten Mehrwehrte des integrierten Raumbezugs erschlossen.

Riecken | Ja, mit dieser INTERGEO® starten wir eine begleitende Informa­tions­kampagne, beispielsweise über Veröffentlichungen in den geodäti­schen Fachzeitschriften. Wir belassen es aber nicht nur bei der Information. Er­gän­zend stellen wir das zugrunde liegende Transformationsmodell als web­basier­te Anwendung HOETRA2016 auf der Internetseite www.hoetra2016.nrw.de bereit. Mit dieser Anwendung können sowohl Einzelpunkte als auch Punktlisten in die Gebrauchs­höhen des DHHN2016 mit dem danach gültigen Koordinatenreferenzsystem DE_DHHN2016_NH (früher Höhenstatus 170) überführt werden. Die Internetanwendung ist selbst­erklärend.

FORUM | Herr Jahn, Sie sprachen auch die Lage an. Müssen wir uns auf neue Koordinaten im Liegenschaftskataster einstellen?

Jahn | Nein, selbstverständlich nicht! Zeitgleich zu den Wiederholungs­messungen im Deutschen Haupthöhennetz ha­ben wir im Jahr 2008 eine deutschlandweite GNSS-Kampagne durchgeführt und hieraus für alle 270 SAPOS®-Referenzstationen bestmögliche und konsistente Koordi­naten im »ETRS89/DREF91 in der Realisierung 2016« abgeleitet. Die da­bei erfolgten Koordinatenänderungen lagen bundesweit bei wenigen Millimetern für die Lagekomponenten und haben damit daher keine Auswirkungen auf das Liegenschaftskataster.

Den Gewinn, den wir dabei erzielen, sehe ich in der Reali­sierung und Be­reitstellung eines aktu­ellen Raumbezugs und dessen Bezugssystemen verbunden mit ei­ner Qualitäts­stei­ge­rung in unseren Nachweis- und Siche­rungssystemen.

FORUM | Herr Riecken, ich komme zurück auf meine Eingangsfrage. Was steht noch oben auf Ihrer Agenda?

Riecken | Wenn wir uns die Ergebnisse der geschilderten Messkampagnen im Detail anschauen, so gilt es, den Mehrwert auch für andere Nutzungen zu erschließen, beispielsweise für Zwecke des Umweltmoni­to­rings und weiterer Geowissen­schaf­ten. Ich sehe hier Potenziale für interdisziplinäre Zusammen­arbeit. Lassen Sie mich festhalten: Wir ha­ben mit unseren Er­geb­nissen gezeigt, dass die Koordinaten, Höhen und Schwerewerte grundsätzlich zeitlich veränderliche Größen sind. Dies muss zukünftig bei Maßnahmen, die die Qualität des geodäti­schen Raum­bezugs nachhaltig sichern sollen, berücksichtigt werden. Geodä­tische Messungen werden also auch zukünftig nicht wegzudenken sein.

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Im Interview

Dr.-Ing. Jens Riecken (links)
ist verantwortlich für den Raumbezug in Nordrhein-Westfalen. Ab 2017 leitet er den AdV-Arbeitskreis Raumbezug. Dieser wird die Einführung des Raumbezugs 2016 begleiten.

Dr.-Ing. Cord-Hinrich Jahn
ist verantwortlich für den Raumbezug in Niedersachsen und für die Zentrale Stelle SAPOS®. Zwischen 2007 und 2016 leitete er den AdV-Arbeitskreis Raumbezug. In diesem Zeitraum erfolgten neben den Messungen und Berechnungen zum Raumbezug 2016 auch dessen Beschluss und Einführung zum 1. Dezember 2016.

Das Interview führte

Dr. Wolfgang Guske
FORUM-Redaktion
guske(at)bdvi-forum.de