Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie schon einmal versucht, online einen Mobilfunkvertrag zu ändern und gleichzeitig zu verlängern? Ich bin mir sicher, dass Sie es geschafft haben, klar. Aber auf Anhieb? Und ohne jegliche Irritation und ohne diese kleine unbestimmte Angst bis zum Eintreffen der ersten Rechnung? Sehen Sie!? Und so geht es einem oft. Beim Bezahlen mit der Kreditkarte an einer personalfreien Tankstelle in der schwedischen Pampa (»Kommt da gar keine Quittung raus?«), beim Internetbestellen von neuen Winterrädern (»Da ist ja gar keine Felge drin!«) oder beim Verfolgen des Online-Bauantrages (»Feuerwehr steht auf Rot???«).

Man ist sich digital nicht mehr sicher. Zumindest nicht zu 100 %. Und das mit 42 Jahren!

Und dann soll man das Schulessen für die Kinder online bestellen. Einen Monat im Voraus. Da man ja nicht ahnen kann, was der eigene Nachwuchs am übernächsten Dienstag so für einen Geschmack hat (Nudeln mit Tomatensoße!), setzt man die lieben Kleinen selbst vor den Rechner und erledigt in der Zwischenzeit irgendetwas Analoges. Nach einer Viertelstunde kommt man zurück, ändert die Auswahl etwas zugunsten von Gemüse (nein, Tomatensoße zählt nicht dazu!) und ist ansonsten bass erstaunt: Die Kinder, kaum des Lesens mächtig, haben den Bestellvorgang mustergültig abgeschlossen, den nervigen Newsletter abbestellt, irgendwelche Rabatte eingelöst, die man selbst gar nicht gesehen hat, und obendrein haben sie herausgefunden, dass es für alles noch PayPal-Punkte gibt. Die eigenen Kinder sind Digital Natives. Oha! Und man sieht irgendwann hat man nicht mal mehr die Macht, ihnen Nudeln mit Tomatensoße zu verwehren.

Aber ist das ein Thema für das Vorwort einer Vermessungsfachzeitschrift? Ja. Ja, ja und nochmals ja. Gerade hinsichtlich des just begonnenen neuen Ausbildungsjahres. Denn diese kleine Episode schildert, was man dem eigenen Büro Gutes antut, wenn man ausbildet. Sicher, die geodätischen Frischlinge können noch kein Stativ aufbauen, ekeln sich vor Frosch, Spinne und Libelle und tragen ulkige Frisuren. Aber darüber hinaus holt man sich Know-how, hervorgerufen durch Jugend und genetisch bedingtes Technikverständnis, ins Haus. Das lernt man nicht durch Lehrgänge oder auf der Volkshochschule. Das hat man. Zumindest einem großen Teil der jüngeren Menschen ist das per se zu unterstellen. Auch der unverstellte, unverfälschte Blick auf jahrelang Ein­geschliffenes kann zu der einen oder anderen Innovation führen. Und der Auszubildende fühlt sich (hoffentlich) ernst genommen, wenn seine Vorschläge in die Tat umgesetzt werden. Und wenn die Faltmaschine auf sein Anraten und nach seiner Recherche dann ihm zu Ehren bürointern Willi-Mat getauft wird, dann hat man auch eine ganze Menge Soft Skills erschlagen.

Dass die Ausbildung des fachlichen Nachwuchses außerdem heutzutage fast die einzige Methode ist, um überhaupt qualifiziertes Personal in die Büros zu bekommen, ist ein nicht ganz außer Acht zu lassender Nebeneffekt.

Jeder ÖbVI muss letztlich alleine entscheiden, ob dem eigenen Büro eine Ausbildung junger Menschen möglich ist oder nicht. Und auch eine Entscheidung dagegen kann oft die richtige sein – auf das eigene Büro heruntergebrochen. Dennoch ist das Einsteigen in das Dasein als Ausbildungsbetrieb nur zu empfehlen. Gesamtberufspolitisch, aber eben auch in Hinblick auf das eigene Unternehmen.

Und vielleicht nehmen Sie Ihre Azubis oder sogar auch Ihre Praktikanten mit auf die INTERGEO® nach Berlin. Die Kosten dafür halten sich in überschaubarem Rahmen, aber der Werbeeffekt für unseren Beruf dürfte riesig sein. Zeigen Sie die bunte Welt der Vermessung, machen Sie neugierig – und laden Sie Ihre jungen Gäste ruhig zum Essen ein. Nudeln mit Tomatensoße gehen immer …

 

Guten Appetit

Dipl.-Ing. Andreas Bandow 

 
bandow(at)bdvi-forum.de