Im Dienste der Unwahrheit – FAKE NEWS

Ungeniertes Lügen

»Barack Obama ist Moslem und Verwandter von Osama Bin Laden!«, »13-jährige Lisa von Flüchtlingen vergewaltigt!«, »Deniz Yücel ist ein Spion, Vertreter der PKK und auch noch ein Terrorist«, »Marika Rökk arbeitete als Spionin für die Sowjets« – das alles sind »Fake News«. Es scheint so, als sei die Wahrheit immer weniger wert, das Gebot »Du sollst nicht lügen« außer Kraft gesetzt. Zivile Umgangsformen und Spielregeln scheinen – beschleunigt durch die aggressive und diffamierende Twitter-Kommunikation des neuen US-Präsidenten – in rasendem Tempo irrelevant zu werden. Als wären die bisherigen radikalen Veränderungen der gesellschaftlichen Kommunikation nicht schon anspruchsvoll genug, belasten weitere Phänomene wie Hate Speech und Fake News den öffentlichen Diskurs, erodieren die Kultur der politischen Debatte, werfen Fragen für die Vermittlung von Politik und den Zusammenhalt einer Gesellschaft auf. Und während sich Verschwörungstheoretiker und Erfinder von Falschnachrichten frei und bar jeder Pflicht zur Objektivität »austoben« können, werden die nach handwerklichen und standesethischen Standards arbeitenden »klassischen Medien« als Lügenpresse diffamiert.

 

MEHR ALS EINE BEWUSSTE FALSCHMELDUNG?

Was aber sind exakt Fake News, was unterscheidet sie von klassischen Falschmeldungen in Massenmedien, die schon seit jeher für die Verbreitung von falschen Meldungen und Propaganda missbraucht wurden? Was unter Fake News zu fassen ist, was sie anders macht, welche Bedrohung sie auslösen und was da gegen zu tun ist, ist ausgesprochen umstritten – nicht verwunderlich angesichts der »Jugendlichkeit des Phänomens«. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen können, ist ein Verständnis als bewusste Falschmeldung, verbreitet vor allem über Social-Media-Kommunikation – eine »Demokratisierung« von Falschmeldungen, weil der Weg an die Öffentlich keit nicht mehr zwangsläufig über Journalisten führt. So ist es generell jedem möglich, Falschmeldungen in die Welt zu setzen, die ihr Publikum finden sollen. »Durch die Entwicklung des Internets und sozialer Netzwerke ist eine größere Vielfalt an publizierten Meinungen und Publikationen möglich, aber auch an mehr Falschmeldungen«, so der Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller. »Community-Mitglieder sind bereit, Fake News zu glauben, ohne Bewusstsein und Bereitschaft dafür, vorher beispielsweise die Seriosität der Quelle zu prüfen – also unter Auslassung von Standards, die zum journalistischen Repertoire gehören. Ein Boden, der da bereitet ist, auf den Fake News mit ihren Eigenschaften der Personalisierung, Überraschung, Skandalisierung, Empörung …« stoßen. Die öffentliche Deutungshoheit obliege damit nicht mehr nur den Journalisten. »Facebook und Co. bieten damit gerade auch dogmatischen Medienskeptikern eine Plattform, die es vorher in dieser Form noch nicht gab. Sie sehen, dass es ›draußen‹ noch vermeintlich viele andere Menschen gibt, die ihrer Meinung sind.« Und das Ganze muss nicht zwingend mehr nur Menschenwerk sein, sondern es geht auch »maschinell«. »Automatisierte« Falschmeldungen, sogenannte »social bots«, eine Kurzform für »Robots«, melden sich im Netz völlig selbstständig zu Wort. Da für verwenden sie meist authentisch erscheinende Nutzerprofile samt Fotos und verschleiern beim Lesen, dass sie automatisiert erstellt sind. Ihre manipulative Kraft zeigten große Bot-Formationen etwa im Vorfeld der Brexit-Abstimmung und der US-Wahl.

KLARE KANTE

Vor allem in der Politik wird das Phänomen ausgesprochen kritisch gesehen. Hass- und Falschnachrichten seien Gift für die Demokratie, warnen insbesondere die Grünen. Sie sehen darin eine große Gefahr für die Bundestagswahl, worin sie der USamerikanische Journalist und Medienexperte Jeff Jarvis bestätigt. Er hält es für möglich, dass Russland dadurch den Ausgang der Bundestagswahl 2017 ab Mitte dieses Jahres beeinflussen will. CDU-, SPD- und Grünen-Fraktion fordern ein Transparenzgesetz sowie eine Löschpflicht für Verleumdungen und üble Nachrede in sozialen Netzwerken. Unternehmen wie Facebook sollten spätestens nach 24 Stunden gegen Verstöße auf ihren Plattformen vorgehen, andernfalls müssten empfindliche Bußgelder verhängt werden.

FAKTENCHECKER GIBT ES LÄNGST

Aufseiten der klassischen Medien wird das Phänomen eher entspannt gesehen. »Seit es Journalismus gibt, gibt es Fake News, und davor wurden auf dem Marktplatz oder in Kneipen Gerüchte ausgetauscht«, so Mathias Döpfner, Springer-Chef und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Allerdings machten die wachsende Bedeutung von Social- Media-Angeboten Fake News und ihre Verbreitung transparenter. Auch die Chefredakteurin der »Wirtschaftswoche« Miriam Meckel ordnet Fake News als ein schon älteres historisches Phänomen ein. So habe Benjamin Franklin bereits im 18. Jahrhundert eine ganze Zeitung gefälscht. Philipp Müller weist darauf hin, dass Massenmedien seit jeher für die Verbreitung von Falschmeldungen und Propaganda nicht nur in totalitären Systemen missbraucht wurden. Kommunikationsberater in Wahlkämpfen, Spindoktoren, lancierten in Wahlkämpfen Falschmeldungen und beeinflussten die politische Berichterstattung in ihrem Sinne. Wir erinnern uns an die »Barschel-Affäre« vor 30 Jahren. Der CDU-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein versuchte – so der Vorwurf – durch den Journalisten Pfeiffer seinem politischen Gegner Björn Engholm u. a. Homosexualität anzuhängen. Ein Vorgehen, das Deutschland über Wochen erschütterte und Barschel am Ende das Leben kostete. Wären heute aufgrund eventuell größerer Gewöhnung an Fake News die Reaktionen vergleichbar deutlich?, mag man sich da fragen. Vielleicht aber wird das Phänomen – rein faktisch, gemessen an der Wirklichkeit in Deutschland – überschätzt? Datenjournalist Tim Fischer kam nach Analyse zum Ergebnis, dass es in Deutschland kaum Fake News gebe. Bei den meisten Facebook-Postings, denen zurzeit ein entsprechender Stempel aufgedrückt werde, handele es sich eigentlich um klassische Gerüchte. Eine differenzierte Bewertung gibt Prof. Renate Köcher, Geschäftsführerin des Institutes für Demoskopie Allensbach. Sie widerspricht der Diagnose, dass sich die Gesellschaft sukzessive und bewusst von der Orientierung an Fakten verabschiede und nur noch Wollen und Meinung gelten lasse. Nach ihren Umfrageergebnissen sind die »Aversion und Missachtung von Gefahren« in der Bevölkerung nicht neu. Zu allen Zeiten gebe es – belegt durch Untersuchungen aus den letzten Jahrzehnten – in der Bevölkerung immer eine mehr oder weniger ausgeprägte Neigung, sich gegen eine vorwiegend faktenbasierte Debatte zu stemmen, insbesondere in Zeiten der Polarisierung. »Neu aber ist, dass ein Spitzenpolitiker Anspruch erhebt, allein über Wahrheit und Unwahrheit zu entscheiden, und entsprechend alle, die sich diesem Anspruch widersetzen, zu diskreditieren versucht.« Dies bedeute in einem Land mit einer freien Presse zwangsläufig einen heillosen Konflikt mit den Medien und mit allen, die von der Existenz belastbarer Fakten überzeugt sind.

»AUTOKORREKTUR«: SOLL FACEBOOK DAS PROBLEM SELBER LÖSEN?

Insbesondere Facebook steht unter Druck, sieht sich herausgefordert, weil Fake News Reputationsprobleme machen. Die inhaltliche »Qualität« auf der Plattform bzw. die Nutzung vor allem durch Absender von Fake News leidet, was dem Geschäftsmodell schaden kann, etwa durch Abstandnahme von Werbetreibenden. In den USA hat Facebook ein Anti-Fake-Programm gestartet, um sich durch redaktionelle Partner bei der Identifizierung von Fake News dabei helfen zu lassen, Fakten zu checken und zu recherchieren. Dort gelang es, Partner wie die Nachrichtenagentur AP oder ABC zu gewinnen, in Deutschland haben die meisten Redaktionen abgewunken getreu dem Motto »Kampf gegen Desinformation ist okay, aber bitte nicht im Auftrag Facebooks «. Gewonnen wurde das Recherche-Kollektiv Correctiv. ARD und ZDF entwickeln Fakt-Checking-Einheiten, die aber nicht dazu da sein sollen, Falschinformationen im Auftrag Facebooks zu enttarnen. »Ich finde es falsch, dass professionelle Medien jetzt sozialen Medien helfen sollen, Fake News zu identifizieren und Fakten zu checken«, so Mathias Döpfner in einem aktuellen dpa-Interview. Er forderte die Technologieunternehmen auf, lieber Redakteure einzustellen und Kosten einzurechnen. Denn wenn ein Technologiemonopol fast zwei Milliarden Leser erreiche und die Inhalte-Auswahl kontrolliere, sei das das genaue Gegenteil von Vielfalt ...

 

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Peter Klotzki

Autor

RA Peter Klotzki
Chefredakteur PRINT&more
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