Gelungene Integration

Alaa Darwish im Büro Rek – Wieck – Dr. Schwenk

Alaa Darwish

FORUM  |  Alaa, zunächst danke, dass du uns deine Ge­schichte erzählst. Wie alt bist du und wo kommst du her?

ALAA DARWISH  |  Ich bin 26 Jahre alt und komme aus Swaida in Syrien. Ich bin hier in Deutschland seit ungefähr 13 Mona­ten.

Was ist dein Beruf in Syrien gewesen? Hast du gelernt oder studiert?

DARWISH  |  Ich habe in Aleppo studiert, aber es ist nicht wie hier in Deutschland. An der Universität studieren wir fünf Jahre. Zuerst habe ich drei Jahre als Bauingenieur und die letzten zwei Jahre im Bereich Vermessung oder Geodäsie studiert.

CHRISTOF REK  |  Er ist voll anerkannt als Bachelor in der Geo­däsie. Und wenn Alaa seinen Deutschkurs B2 besteht, hat er alle Voraussetzungen, um hier an der TU Berlin ab Herbst 2016 den Masterstudiengang zu beginnen.

DARWISH  |  Für das Studium brauche ich C1, nicht B2. Mit dem B2-Zertifikat kann ich meinen Bachelor anerkennen lassen. Aber wenn ich weiterstudieren möchte an der TU Berlin, muss ich in Englisch oder in Deutsch auf C2 kommen.

Sind die fachlichen Hürden die größeren Herausforderungen oder die sprachlichen?

DARWISH  |  Die Sprache ist sehr schwierig und damit ist es etwas unterschiedlich – ich höre, ich kann verstehen, aber manch­mal kann ich nicht erklären, was ich möchte oder um was es geht. Und weißt du: Deutsche Sprache ist sehr schwierig – fünf oder sechs Wörter für die gleiche Bedeutung. Jeder Mitarbei­ter sagt diese Wörter, nicht die anderen. Aber der andere Kollege hat diese anderen Wörter gesagt …

Wie habt ihr euch eigentlich gefunden?

REK  |  Grundsätzlich ist zu attestieren: In unserem Beruf haben wir große Nachwuchssorgen und wir wissen, dass wir in den letz­ten Monaten sehr, sehr viele Flüchtlinge in Deutschland aufge­nommen haben. Ich glaube, es ist daher ein gesellschaftspolitisches Selbstverständnis und auch eine Aufgabe, auch im Klei­nen zur Integration beizutragen. Und deswegen hat Herr Dr. Schwenk im Herbst eine Arbeitsvermittlungsagentur angespro­chen, die den Unternehmen Flüchtlinge vorstellt und die büro­kratischen Hürden abbaut. Mit dieser Agentur haben wir erste Kontakte gehabt, die leider nicht sehr erfolgreich waren. Pa­rallel dazu hat sich Alaa Darwish bei uns völlig eigenständig beworben und den Kontakt zur Geschäftsleitung gesucht.

Wie bist du aufmerksam geworden auf das Vermessungsbüro Rek – Wieck – Dr. Schwenk?

DARWISH  |  Ich war als freiwilliger Helfer im LaGeSo, um den Flüchtlingen zu helfen und zu übersetzen. Danach habe ich mich mit einem Freund getroffen und gesagt, dass ich hier ein Prakti­kum brauche, um Erfahrungen zu sammeln. Dann sagte er, okay, du kannst dir dieses Büro ansehen, bzw. habe ich gesagt, dass ich Vermessung studiert habe. Dann wurde mir gesagt, dass es eine Firma hier in Berlin gibt, die einen Flüchtling sucht, der in diesem Bereich, in der Vermessung, arbeitet. Dann habe ich – es war ein bisschen witzig – bei R&S angerufen und es wurde mir gesagt, Herr Rek hätte jetzt keinen Termin frei. – Was möch­ten Sie? – Ich möchte mit Herrn Rek sprechen. – Das geht ­gerade nicht. – Was soll ich machen jetzt? Dann habe ich noch einmal angerufen – es wurde mir gesagt, dass ich meinen Lebenslauf und die Bewerbung per E-Mail senden kann, und das habe ich gemacht und das ist gut, weil das geklappt hat.

Unterscheidet sich die Arbeit, die du hier machst, von dem, was du gelernt hast?

DARWISH  |  Am ersten Tag waren meine Augen weit offen – aha, ja, ich kenne ja diese Sachen! Ich kenne das Tachymeter, ja … Es war überraschend, weil ich dachte, wir sind in Deutschland – es gibt GPS mit Satelliten, sie benutzen keine Tachymeter mehr und es ist was anderes – aber nein, sie benutzen die glei­chen Geräte wie wir. Die Deutschen sind wie die Syrer!

REK  |  Vielleicht einmal kurz zu Alaa selbst. Alaa ist dank der Un­terstützung seiner Familie nach Deutschland gekommen. Die Fa­milie hat Geld gesammelt, damit er einen Flug nach Deutschland nehmen konnte. Er hat hier eine Aufenthaltsbewilligung als Praktikant erhalten, sein klares Ziel war, im Herbst sein Stu­dium fortzusetzen – hier in Deutschland.

Das hat uns gereizt, wir haben es geprüft und ihm dann einen Praktikumsvertrag angeboten, zuerst auf Probe – drei Monate. Diesen werden wir ­jetzt bis September verlängern, dann müssen wir eine Entscheidung treffen. Entweder möchte er studieren oder er wird hier voll beschäftigt.

DARWISH  |  (überrascht) Super! Dann kann ich hierbleiben bis September! Super! Dann bin ich nicht weg!

WIECK  |  So einfach geht das!

Das kann man sagen. Christof, Christian, an euch die Frage: Was sind so die größten Herausforderungen im täglichen Miteinander?

REK  |  Zunächst sind es die sprachlichen Hürden. Aber ich glau­be, dass Alaa inzwischen sehr große Fortschritte gemacht hat. Er versteht schon sehr gut Deutsch, er hat eine Wohngemeinschaft mit Deutschen gesucht, damit er gezwungen ist, auch außerhalb des Büros deutsch zu reden. Das finde ich wich­tig und toll. Trotzdem gibt es natürlich im Alltag Verständigungs­probleme, speziell mit den Vermessungsbegriffen, im Außendienst beim Messen. Es geht darum, das Tachymeter, hier die modernsten Geräte, kennenzulernen und tatsächlich zu verste­hen, zu verinnerlichen. Und selbstverständlich ist er ­jetzt nach zwei Monaten noch nicht so schnell wie ein gelernter Messgehilfe, aber ich bin ganz beeindruckt von seiner Motivation und seiner Lernbereitschaft...

Das vollständige Interview gibt es hier.

Andreas BandowAutor

Dipl.-Ing. Andreas Bandow
 
bandow(at)bdvi-forum.de

Walter Schwenk

Interviewpartner

Prof. Dr.-Ing. Walter Schwenk
ÖbVI  |  ÖbvS  |  Jahrgang 1944

Studium, Promotion und
Referendariat in Berlin
Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur
Öffentlich bestellter und
vereidigter Sachverständiger (IHK Berlin)
Lehrbeauftragter an der
Hochschule Neubrandenburg
Honorarprofessor seit 2015

Dipl.-Ing. Christof Rek
ÖbVI  |  Jahrgang 1961  

Studium Vermessungswesen an der TU Berlin
Referendariat im Ministerium
des Innern des Landes Brandenburg
Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur
Vizepräsident des Deutschen Vereins
für Vermessungswesen e. V. (DVW e. V.)

Dipl.-Ing. Christian Wieck
ÖbVI  |  Jahrgang 1976

        Studium Vermessungswesen
an der TU Berlin
        Referendariat im Land Brandenburg
        Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur
        Lehrbeauftragter an der TU Berlin
(Masterstudiengang Denkmalpflege)

Alaa Darwish
Bachelor of Engineering (B. Eng.) 
Jahrgang 1989
 
        Studium Bauingenieurwesen
(Spezialisierung Topografie)
an der Universität in Aleppo (Syrien)