EU-Europa und die Geometer – ein kompliziertes Verhältnis

Unbestritten ist unsere geodätische Wissenschaft ein Motor der Globalisierung, unser Beruf im engeren Sinne wendet globale Techniken täglich an. In den Ländern Europas sind seine Aufgaben ähnlich. Aber die Europabegeisterung verflog; europäische Lippenbekenntnisse klingen plötzlich hohl. Die Karawane teilte sich in ihre nationalen, gar regionalen Kohorten. Es wird wohl nicht das letzte Kapitel unseres Berufes sein.

 

1. Ein uralter Freier Beruf

Denkt man über den Freien Beruf im Allgemeinen und über den Öffentlich bestellten Vermessungsingenieur im Besonderen nach, gerade in Zusammenhang mit Europa, dann sollte man sich der Quellen bewusst sein. Sie liegen in dem Gegenstand unserer Tä­tigkeit, also den Liegenschaften im Kleinen und der Erde im Großen, in den nationalen Regulierungen und deren regionaler Ausprägung, in den Fertigkeiten und den nachgewiesenen Fä­higkeiten.

Es ist reizvoll zu erwähnen, dass das Römische Reich bald 1.000 Jahre lang mit Groma und Chorobates regiert wurde. Die zu besteuernden Äcker wurden abgesteckt und die Straßen und Wasserleitungen künden von gewaltigen Leistungen dieser da­maligen Berufsträger. Die wesentlichen Berufsinhalte sind teilweise bis heute erhalten geblieben:

  • Ordnung an Grund und Boden
  • Ordnung in den Städten
  • Dokumentation (Schutz) und Besteuerung des Eigentums
  • Siedlungswesen
  • räumliche Führung von Straßen und Wasserleitungen

 

Die Herkunft des Begriffes »Freier Beruf« kann auf den Begriff »artes liberales« zurückgeführt werden. Nach Cicero und Seneca handelte es sich um Tätigkeiten wie die des Lehrers, des Rechts­anwaltes, des Baumeisters, des Architekten oder des Ingenieurs sowie des Arztes. Dem Begriff »artes liberales« lag also eine so­ziale, moralische und rechtliche Bewertung zugrunde. Natürlich sprachen diese Berufsträger auch Latein im Gegensatz zum normalen Volk. Tätigkeiten wie die Feldarbeit oder das Hand­werk wurden hingegen als »artes illiberales« bezeichnet, denn sie wurden vornehmlich von den Unfreien (vornehmlich Skla­ven) ausgeübt. Die Ausübung der »artes liberales« war hingegen den freien Bürgern, vornehmlich dem Adel, vorbehalten.

Der heutige Begriff des »Freien Berufes« entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert. Bis zum 18. Jahrhundert war der Begriff »artes liberales« nach wie vor geistigen Tätigkeiten vorbehalten. Nunmehr knüpfte man die Tätigkeit aber nicht an die »freie Geburt«, sondern vielmehr an die ausgeübte Tätigkeit. Unter dem Einfluss des Liberalismus bildete sich im 19. Jahrhundert ein ei­ge­nes Standesbewusstsein heraus. Damit einhergehend wurden eigene Standesorganisationen gegründet, welche die Inte­ressen der jeweiligen Berufe bündelten. Zu Beginn des 19. Jahr­hunderts waren Berufe wie Rechtsanwalt, Arzt, Apo­theker eng in staat­liche Strukturen eingebunden. Der Rechts­anwalt war staat­licher Zulassung und Kontrolle ausgesetzt. Über seine Ernennung und Versetzung entschieden Behörden; Dienst­aufsicht und Diszipli­nargewalt lagen bei Gerichten bzw. staat­lichen Behörden. Es gab bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts keinerlei Selbst­verwaltungsorgane.

Das Baupolizeirecht des Kontinents – nicht in England – bewirk­te eine richtungweisende Weichenstellung für den Landmesser: Es brachte dem Architekten das Monopol für die Stellung des Bau­antrages ein. Damit errang dieser die entscheidende Bastion für den Fortgang der Investition »Bauvorhaben«. Fortan tapste der Landmesser bei allen Arbeiten am Bau hinter dem Archi­tek­ten her. (In England ist das anders; in der Schweiz gab es auch noch den Kulturingenieur, eine Ausprägung des Vermessungs­ingenieurs, der selbstständig Bauwerke errichten durfte.)

 

2. Der moderne Beruf und Einmündung in den Freien Beruf

Für den Öffentlich bestellten Vermessungsingenieur bzw. dessen Vorläufer gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts »wieder« die Grundsteuer als wesentlichen Treibsatz. In allen damals mo­der­nen Ländern Europas gab es einen Aufbruch in Technik und Recht, nachdem es gelungen war, dem jeweiligen Land mit der Landesvermessung einen einheitlichen Maßstab aufzuzwingen. Eine moderne Bodenschätzung gab es in Deutschland erst in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts, also mehr als 1.500 Jahre nach den Römern. Und wenn die Äcker keine Steuer mehr erbrachten, nannten die Römer sie »agri deserti«.

Die ausgebildeten, vereidigten Landmesser waren im deutsch­sprachigen Raum schon seit ehedem eine Art Freiberufler. Verei­digt auf den Staat, verkörperten sie den öffentlichen Glauben für die Lage der Grenzen und genossen hohes Ansehen, wenn sie in den Dörfern beim Bürgermeister auftauchten, um die auf­gelaufe­nen Verträge um­zusetzen und das Eigentum übergehen zu lassen.

Die Entstehung war in allen modernen europäischen Ländern ähnlich, aber nicht identisch; bis zu einem gewissen Maße jedoch schaute man voneinander ab – besonders in der Technik. Die heute gebräuchlichen Freien Berufe am Bau entwickelten sich in dieser Zeit parallel und vermischt miteinander. Bekannt­lich vollzog man in Staaten wie England oder Frank­reich in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts nicht den Schritt vom Steuer­kataster zum Eigentumskataster, weshalb auch die öffentliche Bestellung des Landmessers unterblieb. Die könig­liche, aber private Charter ersetzte den öffentlichen Charakter des Berufes nicht. Er hatte – bis auf den Mischling Quantity Sur­veyor – kein gesetznah geregeltes Berufsfeld. Das Selbstge­fühl des vereidig­ten Landmessers war deshalb nicht so freiberuf­lich wie in den Parallelberufen. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts warteten die Berufsträger vor den Toren der Siedlungsbehörden auf kleine Ver­messungsaufträge wie Dockarbeiter auf ein Schiff oder Partikuliere auf eine Fracht. Auch in der Literatur kam er nicht so ganz gut weg – ob Freiberufler oder Beamter:

Kurt Tucholsky, spöttisch:
Dein Papa ist kühn und Geometer,
er hat zwei Kanarienvögelein,
auf den Sonnabend aber geht er
gern zum Pilsner in’n Gesangverein.

Oder Joseph von Eichendorff schalt das
geometrische Verhunzen der Landschaft.

Anders hingegen auf dem Land, wo seine Kompetenz und Unab­hängigkeit geschätzt wurden. Das Reichsgerichtsurteil von 1910 bestärkte zwar die Rolle des Liegenschaftskatasters, schob der rechtlichen Entwicklung des Berufes aber einen Riegel vor, von dem sich der Beruf bis heute nicht erholt hat: Der Moment des Eigentumsübergangs wurde endgültig in die Stuben des Amtsgerichtes verlegt. Andererseits machten die Hochschulausbildung seit 1928 und die Abwendung von der gewerblichen Tätigkeit mit der Berufsordnung 1938 den Berufsträger unzweifelhaft zum Frei­berufler, fachlich und rechtlich anerkannt in seiner Berufs­ausübung.

 

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Beate Ehlers

Autor

Dr.-Ing. Otmar Schuster
BDVI-Ehrenpräsident
info(at)vermessung-schuster.de