Es war einmal …

… ein Bauherr, der war über sein Bauvorhaben arm geworden, aber er hatte ei­ne hübsche Tochter. Nun traf es sich, dass er mit der Unteren Bau­aufsicht zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er: »Ich habe eine Toch­ter, die kann alle Ihre Auflagen erfüllen.« Die Behörde sprach zum Bauherrn: »Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt. Bring sie morgen in mein Amt, da will ich sie auf die Probe stellen.« Als nun das Mädchen zum Amt gebracht ward, führte man es in eine Kammer, die ganz voll Bauanträge lag, gab ihr Laptop und Smartphone und sprach: »Jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh diese Anträge nicht zur Genehmigungsreife geführt hast, so wird deines Vaters Antrag abgelehnt.« Da saß nun die arme Bauherrentochter und verstand gar nichts davon, wie man Anträge genehmigungsfähig machen konnte, und sie fing zu weinen an. Da ging auf einmal die Türe auf und trat ein kleines Männchen herein und sprach: »Guten Abend, Jungfer Bauherrin, warum weint Ihr so sehr?« – »Ach«, antwortete das Mädchen, »ich soll Bauanträge genehmigen und verstehe das nicht.« Sprach das Männchen: »Ich helfe dir!«, setzte sich vor den Laptop und, tipp tipp tipp, waren die Anträge für die Baulasteneintragungen wegen der überstehenden Abstandsflächen fertig und gesiegelt. Bei Sonnenaufgang kam schon das Bau­amt, und als es die Formulare erblickte, erstaunte es und freute sich, aber sein Herz ward nur noch antragsgieriger. Es ließ die Bauherrentochter in eine andere Kammer voll Anträge bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr, das auch in einer Nacht zu bearbeiten. Das Mädchen wusste sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das Männchen erschien und sprach: »Ich helfe dir«, und fing wieder an zu tippen und hatte bis zum Morgen alle Vereinigungsvoranfragen beim Grundbuchamt gestellt, die entsprechenden Anträge beglaubigt und anschließend die Verschmelzungen angestoßen. Das Amt freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht der Auflagen satt, sondern ließ die Bauherrentochter in eine noch grö­ße­re Kammer voll von Anträgen bringen und sprach: »Die musst du noch in dieser Nacht bearbeiten. Gelingt dir’s aber, so sollst du eine von uns und als Sach­bearbeiterin im gehobenen Dienst verbeamtet werden.« Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum dritten Mal wieder und sprach: »Zweimal habe ich dir umsonst geholfen, quasi als Kostenschätzung. Jetzt muss ich eine Ge­bühr nehmen. Was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal die Anträge be­arbeite?« – »Ich habe nichts, was ich geben könnte«, antwortete das Mädchen. »So versprich mir, wenn du Beamtin bist, dein erstes Kind dem Freien Beruf zu widmen.« – »Hä?«, dachte die Bauherrentochter. Sie versprach also dem Männ­chen, was es verlangte, und das Männchen bearbeitete dafür noch einmal frist­gerecht alles kurz und klein. Und als am Morgen das Amt kam und alles fand, wie es gewünscht hatte, so hielt es Verbeamtung mit ihr, und die schöne Bau­herrentochter ward eine schöne Oberinspektorin.

Über ein Jahr brachte sie ein Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen. Da trat es plötzlich in ihr Büro und sprach: »Nun gib mir, was du versprochen hast.« Die Beamtin erschrak und bot dem Männchen alle Vorzüge des Staatsdienstes an: aber das Männ­chen sprach: »Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Verbe­am­tungen der Welt.« Da fing die Oberinspektorin so an zu jammern und zu weinen, dass das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: »Drei Tage will ich dir Zeit lassen«, sprach es, »wenn du bis dahin meinen Beruf weißt, so sollst du dein Kind behalten.«

Nun besann sich die Oberinspektorin die ganze Nacht über auf alle bauverwandten Berufe, die sie jemals gehört hatte. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Architekt, Abwasseringenieur und Heizungs- und Sani­tär­fachmann und sagte alle Berufe, die sie wusste, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein: »Das bin ich nicht.« Den zweiten Tag ließ sie in der Bauherrenschaft herumfragen, wie die Leute da genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor: »Bist du vielleicht Prüfstatiker oder Baugrundgutachter oder Elektrofuzzi?« Aber es antwortete immer: »Das bin ich nicht!«

Den dritten Tag kam ein Bote und erzählte: »Neue Berufe habe ich keinen ein­zigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Büro, und vor dem Büro brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie:

»Heute mess ich,
Morgen stress ich,
Übermorgen hol ich der Oberinspektorin ihr Kind;
Keinem kommt es in den Sinn,
Dass ich Siegelstilzchen bin!«

Da könnt ihr denken, wie die Beamtin war, als sie den Beruf hörte, und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte: »Nun, Frau Oberinspektorin, was bin ich?«, fragte sie erst: »Bist du ein Deevauweechen?« – »Nein.« – »Bist du ein Vaudeevauchen?« – »Nein.« – »Bist du etwa ein Siegelstilzchen?«

»Das hat dir der Berufsverband gesagt, das hat dir der BDVI gesagt«, schrie das Männlein und stieß vor Freude mit dem rechten Fuß tief in die Erde und hüpfte und sang und sprang und das Kind der Oberinspektorin ging, von so viel Enthusiasmus angetan, trotzdem zum Berufseinsteigerseminar nach Köln und wurde ÖbVI und ward glücklich bis an sein Berufslebensende.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann erfreuen sie sich noch heute da­ran, dass endlich ein Konzept zur Nachwuchsgewinnung gefunden wurde, das wirklich funktioniert.

Andreas Bandow

Dipl.-Ing. Andreas Bandow 

 
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