Ein Grenzstein mit Patent

Hin und wieder trifft man im vermessungstechnischen Außendienst auf ungewöhnliche Grenzsteine. Die Verwirrung ist perfekt, wenn laut Katasternachweis an der Stelle überhaupt kein Stein stehen dürfte. Wer weiß schon, dass eine einfache Grenzpunktabmarkung vor 100 Jahren noch gar keiner Dokumentation bedurfte? Ein vermessungshistorischer Streif­zug gewinnt dann plötzlich Relevanz für den richtigen Umgang mit derartigen Fundstücken.

 

Ein Grenzstein?

Die Mitarbeiter eines brandenburgischen ÖbVI- Büros staunten nicht schlecht, worauf sie da am Rande von Teltow südlich von Berlin gestoßen waren.

Bei einer Grenzuntersuchung im Rahmen einer Liegenschafts­vermessung hatten sie einen recht ungewöhnlich aussehenden Zementstein zutage befördert. Dem guten Erhaltungszustand nach und allein schon wegen des »modernen« Materials ordnete man das aus der Erde ge­holte Objekt nach genauerer Begutachtung den 1950er- bis 1970er-Jahren zu. Nicht nur wegen der doch recht ungewöhnlichen Form, sondern auch weil es für das betreffende Flurstück außer der Gemarkungsurkarte überhaupt keinen neueren Ka­taster­nachweis – schon gar nicht aus dieser Zeit – gab, vermutete man, dass es sich wohl doch um etwas anderes als um einen Grenzstein handeln müsse. Wobei der Zementstein trotz sei­ner ungewöhnlichen Form zumindest im oberen Bereich dann doch wieder an einen Grenzstein erinnerte. Aber was hatte es dann mit der unter dem Stein in die Erde eingelassenen recht­eckigen Betonplatte auf sich? Ande­rer­seits stand der myste­riöse Stein nicht einmal einen halben Meter von der nach der Gemarkungs­urkarte digitalisierten Grenz­punktkoordinate entfernt.

Fragen über Fragen. Und so wendete man sich schließlich an die BDVI-Landesgeschäftsstelle, ob denn so ein ungewöhnlicher Stein bereits in anderen Fällen aufgefunden worden sei und was schluss­endlich von diesem zu halten sei.

 

Follower-Power

Auch hier bereitete der außergewöhnliche Fund zunächst Kopf­zerbrechen. Aber wozu hat man schließlich einen Twitter-Account? Flugs das Grenzstein(?)-Foto den Followern zur Kennt­nis gegeben und kurz darüber berichtet. Ziemlich schnell stellte sich die eigentlich gar nicht ernsthaft in Betracht gezogene Antwort ein:

Also doch ein Grenzstein? Ein Magnino-Grenzstein? Doch wer oder was ist Magnino? Auf die Nachfrage, was denn »Mag­nino« mit diesen Steinen zu tun habe, ließ die Antwort des twittern­den ÖbVI aus Potsdam nicht lange auf sich warten:

Magnino Über den ehrwürdigen Berufskollegen namens Magnino, der of­fenbar häufiger so ungewöhnliche Grenzsteine in die Welt setzte, müsste sich doch etwas mehr herausfinden lassen. Ers­ter Anlaufpunkt dafür ist das brandenburgische Ver­messungs­­portal LiKa-Online, in dessen Automatisiertem Liegenschafts­nachweissystem (ANS) sämtliche historischen Vermessungsrisse bereitgehalten werden. Und in der Tat, nur wenige Flurstücke weiter war unser Magnino tätig und hat Vermessungsschriften hinterlassen, in denen er zudem zu erkennen gab, in Berlin-Steg­litz ansässig zu sein. Somit führt der nächste Recherche­schritt zum online verfügbaren Berliner Branchenverzeichnis, in dem H. Magnino bis zum Jahre 1935 unter der Anschrift Düppel­straße 39a, II. Etage, als vereideter Landmesser vertreten ist |1|. Den Beginn seiner beruflichen Laufbahn kann man der »Zeit­schrift für Vermessungswesen« (ZfV) von 1898 entnehmen, wo er unter seinem vollen Namen Hubert Adolf Magnino in der »Nachwei­sung derjenigen Landmesser, welche die Landmesserprüfung im Frühjahrstermin 1898 bestanden haben«, erscheint (S. 210). Dass der Raum südlich von Berlin einen Tätig­keits­schwer­­punkt Mag­­ninos darstellte, belegt der vom Teltower Heimat­ver­ein in Aus­zügen veröffentlichte Verwaltungsbericht der Stadt Teltow 1914-1928 |2|, in dem es heißt: »Durch die zahl­rei­chen Geländeaufteilungen an verschiedenen Stellen konnten sich die städtischen Körperschaften der erneuten Aufstellung eines Flucht­linienplans für die gesamte Gemarkung nicht verschlie­ßen und es wurde daher im Rechnungsjahr 1928 dieser Auf­trag dem vereideten Landmesser Magnino erteilt. Es ist zu er­war­ten, daß die Arbeiten im Jahre 1930 zu Ende geführt werden.«

 

Wer hat’s erfunden?

Während damit geklärt ist, wer in der Teltower Umgebung für die besondere Abmarkung verantwortlich war, bleibt noch offen, wer die außergewöhnlichen Grenzsteine erfunden bzw. her­gestellt hat. Die Lösung dieser Frage hält ebenfalls die ZfV be­reit. Der mit etwa 500 Zeitschriftenaufsätzen und einigen Fachbüchern zur Praxis des Vermessungs­ingenieurs um die Jahr­hundertwende als illustrer Vielschreiber bekannte Ber­liner Geodät Alfred von Abendroth |3| lüftet in ei­nem ZfV-Beitrag von 1900 »Ueber kleinere Stadt­ver­mes­sungen« (S. 431 f.) das Geheimnis. Hier so­wie in seinem in zwei Auf­lagen erschienenen bekann­tes­ten Werk »Der Land­messer im Städtebau« von 1901 macht Abendroth re­gel­recht Werbung für die »bekannten Normalgrenzsteine des Herrn Steuer­inspector Schmeisser (D. R. Patent)«. Gut möglich, dass Landmesser Magnino auf diese Weise von die­sen Grenzsteinen erfahren und sie fort­an seinen Klienten nachdrücklich empfohlen hat.

 

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Autor

Dipl.-Ing. Frank Reichert
BDVI-Geschäftsstellenleiter Brandenburg, Meckl.-Vorp., Sachsen-Anhalt
reichert(at)bdvi.de