»Die AdV ist permanent gefordert, sich neuen Herausforderungen zu stellen«

Ein FORUM-Interview

Auf der letztjährigen INTERGEO® in Hamburg nutzte das FORUM die Gelegenheit, sich zu einem Interview mit dem Vorsitzenden der AdV Thomas Luckhardt und seinem Stellvertreter Siegmar Liebig zu verabreden. Zwar waren die äußeren Bedingungen auf dem AdV-Stand wegen Publikumsandrang und Produktpräsentationen nicht ideal für ein Interview, andererseits förderte diese Atmosphäre einen lebhaften und interessanten Gedankenaustausch.

 

FORUM | Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges leiteten die westlichen Besatzungsmächte eine möglichst weitgehende Dezentralisation Deutschlands ein, von der auch das amtliche Vermessungswesen betroffen war. Gesetzgebungskompetenz und Aufgabenwahrnehmung im amtlichen Vermessungswesen wurden den Ländern zugewiesen. Bereits im Mai 1948 fand ein erstes gemeinsames Gespräch der Vertreter der Landesvermessungsverwaltungen der amerikanischen Zone statt, weil es ein Bedürfnis nach Abstimmungen im fachlichen Bereich gab. Dieses Treffen gilt als Geburtsstunde der AdV.

Die AdV gibt es also mittlerweile seit 68 Jahren – können Sie bitte kurz skizzieren, wie sich die Rolle der AdV in diesem Zeitraum entwickelt hat und worin heute ihre Aufgaben bestehen?

THOMAS LUCKHARDT | Bereits bei diesem ersten Treffen ging es den Teilnehmern neben der notwendigen Erörterung aktueller Fragen um das Ziel, durch Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung eine Einheitlichkeit im amtlichen Vermessungswesen zu erreichen und auch zu bewahren. Diese Koordination des amtlichen Vermessungswesens ist bis heute das Kernanliegen der AdV geblieben. Heute arbeiten natürlich alle 16 Länder und darüber hinaus Vertreter des Bundes in der AdV zusammen. Wir verständigen uns auf gemeinsame strategische Ziele, beschließen die erforderlichen Konzepte und legen die notwendigen Standards fest. Aus meiner Sicht ist diese Art der Zusammenarbeit ein Erfolgsmodell. Sie wird seit nunmehr fast 70 Jahren erfolgreich praktiziert und hat sich bis heute bewährt.

SIEGMAR LIEBIG | Die Beschlüsse der AdV haben aber nur empfehlenden Charakter. Die Umsetzung der Beschlüsse obliegt den einzelnen Vermessungsverwaltungen. Hier sind die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Länder in rechtlicher, politischer und finanzieller Hinsicht zu beachten. Das amtliche Vermessungswesen wird also durch den föderalen Aufbau in Deutschland geprägt. Die Globalisierung, die zunehmenden Anforderungen aus Europa und aktuell die Digitalisierung von Verwaltung und Wirtschaft erfordern ein einheitliches Vermessungswesen. Der Nutzer erwartet deutschlandweit Geobasisdaten in einheitlicher Qualität und Aktualität.

LUCKHARDT | 68 Jahre erfolgreiche Zusammenarbeit sind kein Ruhekissen. Auch die AdV ist permanent gefordert, sich neuen Herausforderungen zu stellen und ihre Zusammenarbeit an sich ändernde Rahmenbedingungen anzupassen. Die Zusammenarbeit in der AdV ist heute geprägt von der Notwendigkeit zur Konsolidierung der Landeshaushalte und von neuen Anforderungen an das amtliche Vermessungswesen, z. B. im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Geodateninfrastruktur in Deutschland und Europa. Zum einen haben nahezu alle Vermessungsverwaltungen gravierende Einschnitte in ihre personellen und finanziellen Ressourcen erfahren müssen, was inzwischen zu einer unterschiedlichen Leistungsfähigkeit der Länder geführt hat. Zum anderen haben sie parallel die zusätzliche Aufgabe zu erfüllen, Aufbau und Betrieb einer Geodateninfrastruktur auf der Landesebene sicherzustellen. Um zu verhindern, dass die Beschlüsse der AdV auf der operativen Ebene der Länder nicht mehr einheitlich umgesetzt werden, musste die AdV reagieren. Durch ihre Initiative konnte der Abschluss einer Verwaltungsvereinbarung zur länderübergreifenden Kooperation im amtlichen Vermessungswesen erreicht werden. Auf Grundlage dieser Verwaltungsvereinbarung sind inzwischen drei Zentrale Stellen eingerichtet, in denen Geobasisdaten der Länder zusammengeführt und zu einheitlichen Konditionen länderübergreifend bereitgestellt werden.

LIEBIG | Mit der Einrichtung der Zentralen Stellen ist auch Kundenanforderungen gefolgt worden. Der bundesweit agierende Kunde hat heute themenbezogen drei zentrale Ansprechpartner. Die Zentralen Stellen sind in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie eingerichtet. Den ÖbVI ist sicherlich das Angebot der Zentralen Stelle SAPOS® in Niedersachsen vertraut.

LUCKHARDT | Mir ist es wichtig, an dieser Stelle auch auf die Leistungen und damit die Bedeutung der Arbeitskreise der AdV hinzuweisen. Das Engagement unserer Fachkolleginnen und -kollegen in den fünf Arbeitskreisen der AdV garantiert ein breites und fundiertes Wissensspektrum, sorgt für Arbeitsergebnisse von hoher Qualität und macht somit die strategischen Beschlüsse der AdV erst möglich.

FORUM | 2006 wurde das auch als Eckwertepapier bezeichnete Memorandum über die Zusammenarbeit von AdV und BDVI im amtlichen Vermessungswesen in Deutschland »Gemeinsam für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft« verabschiedet. In der AdV-Veröffentlichung »Wissen(s)werte(s) über das amtliche deutsche Vermessungswesen« heißt es: »Das öffentliche Vermessungswesen wird zum einen durch Behörden wahrgenommen (behördliches Vermessungswesen); hierzu gehören entsprechend dem verwaltungsverfahrens rechtlichen Behördenbegriff als Amtsträger auch die Öffentlich bestellten Vermessungsingenieure (ÖbVermIng).«

Und: »Für die Aufgabenerledigung im Amtlichen deutschen Vermessungswesen sind die Bundesländer zuständig. Daneben wirken, mit Ausnahme von Bayern, für gesetzlich bestimmte Bereiche ÖbVermIng an der Aufgabenerledigung in gemeinsamer Verantwortung mit den Behörden mit.« Spielen Aufgaben und Stellung des ÖbVI bei den Beratungen der AdV eine Rolle und wie könnte sich das in Zukunft gestalten?

LIEBIG | Im Memorandum von 2006 sind die »profil- und imageprägenden« Aufgaben der Vermessungsverwaltungen und der ÖbVI dargestellt. AdV und BDVI stimmen überein, dass beide Seiten bei der Aufgabenwahrnehmung im amtlichen Vermessungswesen ihre spezifischen Verantwortungsbereiche haben. ÖbVI und Verwaltung wollen das amtliche Vermessungswesen zukunftsgerichtet weiterentwickeln. Unterschiedliche Positionen zu berufspolitischen Fragen sollen zunächst im internen Dialog erörtert werden.

LUCKHARDT | Dieser interne Dialog funktioniert gut. BDVI-Präsident und AdV-Vorsitzender treffen sich, in der Regel begleitet von weiteren Beteiligten, mindestens zweimal im Jahr. Diese »Spitzengespräche« gewährleisten den regelmäßigen Informationsaustausch; sie sind aber insbesondere von Diskussion und Verständigung über strategische und berufspolitische Fragen geprägt. Die internen Angelegenheiten einzelner Länder werden ausdrücklich nicht in diesen Gesprächen behandelt. Die Zusammenarbeit ist aber natürlich nicht nur auf diese Gespräche beschränkt. Verschiedene konkrete Anlässe, wie z. B. die Möglichkeit zur Stellungnahme zu Gesetzentwürfen, sorgen für eine kontinuierliche Zusammenarbeit von BDVI und AdV.

LIEBIG | Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben. Dazu zählen auch Themen wie z. B. die HOAI und die damit verbundene Einstufung von Vermessungsleistungen. Im letzten »Spitzengspräch« wurde vom BDVI Kritik an der AdV-Gebührensynopse geübt. Die Anregungen sind an die zuständigen Gremien der AdV weitergereicht worden und werden nun bilateral mit dem BDVI erörtert. Weiterhin zählen ein Austausch über die Anforderungen an die im Vermessungswesen Beschäftigten sowie über den Status von Ingenieuren auch im europäischen Kontext dazu.

LUCKHARDT | Wir haben schließlich immer noch ein gemeinsames Ziel: ein starkes amtliches Vermessungswesen. Dieses Ziel ist im Memorandum einvernehmlich festgehalten und we der BDVI noch AdV haben bis heute die Überarbeitung des Memorandums eingefordert. Das Format des »Spitzengesprächs« ist etabliert und hat sich bewährt. Gemeinsame Themen werden partnerschaftlich und unbürokratisch auf dem »kurzen Dienstweg« behandelt...

 

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Thomas Luckhardt

Im Interview

Thomas Luckhardt

Leitender Senatsrat

Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft
der Vermessungsverwaltungen der Länder
der Bundesrepublik Deutschland (AdV)
für die Jahre 2016/2017

Leiter der Abteilung Geoinformation der
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Wohnen in Berlin

Siegmar Liebig

Siegmar Liebig

Ministerialrat

Stellvertretender Vorsitzender der
Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der
Länder der Bundesrepublik Deutschland (AdV)

Leiter des Referats Vermessung und Geoinformation
im Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport

Das Interview führte

Dr. Wolfgang Guske
FORUM-Redaktion
guske(at)bdvi-forum.de