Der Marathonvermesser

Ein FORUM-INTERVIEW von Wolfgang Guske

 Nicht nur die Geodäten aus aller Welt versammeln sich vom 26. bis 28. September zur dies­jährigen INTERGEO® in Berlin, bereits zwei Tage früher treffen sich Läufer, ebenfalls aus aller Welt, zum 44. Berlin-Marathon auf der Weltrekordstrecke an sich. Für die Redaktion Grund genug, sich der Frage zu widmen, wie denn diese 42.195 m konkret auf die Straße übertragen werden. Wegen der zeitlichen Nähe dieser beiden Großveranstaltungen (und ein wenig auch dem Sitz der FORUM-Redaktion geschuldet) haben wir einen Berliner Streckenvermesser um ein Inter­view gebeten und wir haben dabei einen Menschen kennengelernt, der für diese Aufgabe brennt und der von so vielen Erlebnissen berichten kann und von Anekdoten geradezu übersprudelt, dass die Zeit wie im Flug vergeht, im Marathontempo eben.

 

Wolfgang Guske

Autor

Dr. Wolfgang Guske 

FORUM-Schriftleitung
guske@bdvi-forum.de 
 
 
 

Der Jones-Counter

Der Jones-Counter ist nach seinem Entwickler, dem Amerikaner Alan Jones, benannt, der ihn 1971 für die Vermessung der Strecke eines lokalen Straßenlaufes herstellte. Er besteht aus zwei Zahnrädern, die mit einem Zählwerk verbunden sind. Der Jones-Counter wird an der Vorderradachse eines Fahrrades befestigt und löst eine Radumdrehung in 20 oder 24 Teile auf. Durch die Kalibrierung auf einer Eichstrecke ist es möglich, die gemessenen Werte mit hoher Genauigkeit auf Meter­einheiten umzurechnen. Prinzipiell funktioniert er wie ein herkömmlicher Fahrradtacho, nur dass die Untertei­lung einer Umdrehung in 20 oder 24 Teile eine höhere Messgenauigkeit zulässt. Der Jones-Counter ist von der IAAF (Weltleichtathle­tik­verband) als Standardverfahren für die Strecken­messung von Straßenläufen eingeführt worden.

Natürlich gibt es den Titel »Marathonvermesser« nicht – wir treffen uns in einer Hotellobby mitten in Berlin, nur einen Steinwurf entfernt von der Strecke des Berlin-Marathons. Unser Gesprächs­partner ist der A-graduierte Streckenvermesser Siegfried R. Menzel, so die offizielle Bezeichnung. Bis vor zwölf Jahren in der Vermessungsabteilung der damaligen Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen be­schäftigt, ist er auch als Ruheständler noch immer als einer von zwei Berliner A-graduierten Streckenvermessern tätig.

FORUM | Herr Menzel, vielen Dank für Ihre Bereitschaft, uns etwas über die Vermessung von Laufstrecken zu erzählen. Eingangs die Frage, wie man auf den Gedanken kommt, Streckenvermesser zu werden. Sind oder waren Sie aktiver Läufer?

Siegfried R. Menzel | Überhaupt nicht. Ich hatte schon Mü­he, eine 1.000-m-Strecke zu laufen, von Langstrecken ganz zu schwei­gen. Rad fahren ja, aber nicht laufen. Die Geschichte, wie ich dazu kam, ist schon interessant. Es war um 1980, als die Fran­zosen als eine der vier Besatzungsmächte in Berlin für sich ein Highlight suchten. Jemand kam auf die Idee, einen 25-km-Lauf durch alle (West-)Sektoren zu organisieren (nach 1990 wur­­de auch der östliche Teil einbezogen). Warum auch immer 25 km – kein Mensch lief 25 km. Bei einem Gespräch, an dem auch Ilse Reichelt, die Senatorin für Jugend und Sport, und mein da­ma­liger Senator Harry Ristock teilnahmen, kam dieser Ge­dan­ke zur Sprache und mein Senator, dem die Vermessungs­ab­tei­lung unterstand, übernahm die Aufgabe, eine solche Strecke zu vermessen. Nebenbei gesagt hat sich Horst Milde, der Initia­tor und langjährige Renndirektor des Berlin-Marathons, jahrelang für einen Marathon durch die Stadt starkgemacht, aber er durfte ihn nur im Grunewald durchführen, keinen Straßenlauf. Erst als die Franzosen den 25-km-Straßenlauf etablierten, kam auch der Marathon auf die Straße. Zurück zur Streckenmessung: Da ich in der Vermessungsabteilung immer mal für Sonderauf­gaben ein­geteilt war, wurde ich mit der Messung be­auftragt. Wir ­hatten keinerlei Erfahrungen mit der Vermessung von Laufstrecken und den Jones-Counter (siehe Kasten) kann­te keiner. Ich ­brauch­te ­vier Wochen, um mit drei Messgehilfen die 25-km-Strecke klassisch zu vermessen – Bogenanfang Na­gel, Bogenmitte Na­gel, Bogenende Nagel und dann weiter mit dem Messrad. Prof. Herzog von der TU hat mir eine Vergleichs­strecke von 1.000 m auf der Straße des 17. Juni zur Kalibrierung des Messrades ge­legt. Es wurde Einzelstrecke für Einzelstrecke gemessen und auf­addiert.

Irgendwann sollte der »Franzosenlauf« in die offiziellen Straßenläufe integriert werden. Das ging aber nur, wenn die Vermessung von einem A-graduierten Streckenvermesser durchgeführt wurde. Da trat ein Herr Helge Ibert an mich heran und sagte: »Ich bin derjenige, welcher – wollen wir das zusammen ma­chen?« Der hatte die Graduierung und einen Jones-Counter an seinem Fahrrad. Und jetzt war die Frage, wo bekomme ich so ein Ding her. Die gab’s zu der Zeit nur in Amerika. Helge Ibert hatte ein Ingenieurbüro und über das Büro haben wir zwei dieser Counter in Amerika beschafft, denn wir als Verwaltung konn­ten dort ja nicht einkaufen. Das hat uns 100 Dollar gekostet. Dann hatte ich also meine eigenen Jones-Counter – einen davon habe ich mitgebracht, der funktioniert heute noch. Das war dann natürlich ein Wendepunkt. Was ich früher in vier Wochen gemacht habe, mache ich heute in drei Stunden. Natürlich nur die Vermessung. Die häusliche Arbeit, also Vorbereitung, Aus­wertung, Dokumentation, verlangt mehr Zeit als die örtliche Vermessung.

FORUM | Wie gehen Sie vor, wenn eine neue Laufstrecke festgelegt werden soll?

Menzel | Zuerst braucht man natürlich eine Idee, wo die Route entlangführen soll, an welchen Sehenswürdigkeiten, markanten Gebäuden und Plätzen vorbei. Dazu nutzt man einfach einen Stadtplan. Dann sind der Start- und Zielbereich festzulegen. Wenn die gelaufenen Zeiten international anerkannt werden sollen, müssen Regeln des IAAF eingehalten werden. Dazu gehört z. B., dass das Gefälle zwi­schen Start und Ziel maxi­mal 0,1 % der Streckenlänge betragen darf, beim Marathon also 42 m. Wenn Start und Ziel nicht räumlich beieinanderliegen, darf die geradlinige Entfernung zwischen beiden Punkten nicht größer als die halbe Streckenlänge sein – beim Marathon also 21 km. Damit soll vermieden werden, dass nur mit Rückenwind oder nur bergab gelaufen wird. Liegt die Strecke annähernd fest, werden in der Karte ers­te Streckenmessungen vorgenommen. Die Strecke wird mit dem Auto abgefahren, um ihre Brauchbarkeit zu prüfen. Sie muss heute nicht nur für die Läufer, sondern auch für Powerwalker, Rollstuhlfahrer und Inlineskater gefahrlos zu benutzen sein. Danach erfolgt die genaue Vermessung ...

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