BDVI-Kongress in Potsdam

Expertise mit Siegel

Zurhorst

Auf welchen vielfältigen Themengebieten ÖbVI Tag für Tag Expertisen mit (und ohne) Siegel ab­geben, konnte man vom 2. bis 4. Juni auf dem BDVI-Kongress in der Arena des Wasch­hauses Potsdam erfahren. Dabei drehte es sich in der Hauptsache gar nicht um hoheitliche Tätig­keiten. Warum war bzw. ist das so?

 

Wer jetzt denkt, dass die ÖbVI und damit auch das Kongressthema mit dem Begriff »Siegel« ein gewisses Heiligtum oder eine Machtbasis suggerieren wollten, sah sich völlig getäuscht. Es wurde weder ein Amts­schimmel geritten noch die Zementierung eines Zustandes gefeiert.

Das Siegel, also die Beglaubigung von Urkunden, die normierte Formen und Inhalte erfordern, steht für den Abschluss eines gesetzlich vorgeschriebenen Produkts. Die überwiegende hoheitliche Tätigkeit ist mit einem Siegel verbunden. Da aber kaum die Rede von Amtlichen Lageplänen oder Grenzniederschriften war, konnte man den Begriff »Siegel« nur mit einem Qualitäts­ver­­sprechen verstehen, das ÖbVI im ge­samten Leistungsbe­reich geben.

Eine Zeit, in der es auf dem Markt nur so von Sachverständigen und Experten wimmelt, erfordert präzise Aussagen zum Wert ei­ner Tätigkeit und dessen Leistungserbringer. In diesem Zusammenhang, nämlich bei der Herstellung einer Expertise, muss de­zidiert darauf aufmerksam gemacht werden, welche Qualifi­ka­tionen der ÖbVI mit sich bringt und dass diese auch durch eine Aufsicht überwacht werden.
BDVI-Präsident Michael Zurhorst hob an: »Gute Koordination beginnt mit guten Koordinaten.« Man möchte weiter ausführen: »… und endet mit einem Qualitätsprodukt, das siegelfähig wäre«, ob es dieses Siegel nun braucht oder nicht. Denn es besteht nicht nur ein eigener Qualitätsanspruch, ob aus der Berufsordnung oder dem Leitbild begründet – auch die Leistungsempfänger er­warten, dass sie im nicht ­hoheitlichen Bereich eine gleich­artige Expertise erhalten.

Vielleicht ist der Ver­gleich mit einem Arzt an­gebracht, der auch außer­halb seiner Arbeitszeit einem Ge­schä­digten mit gleicher Kraft zur Verfügung steht, weil er einen Eid geleistet hat und somit sein unsicht­bares Siegel mit sich führt. Nun geht es bei den hoheit­lichen Tätigkei­ten eines ÖbVI seltenst um Leben oder Tod, aber sie gewährleisten ein nicht zu unterschätzendes Gut – den Grenz­frieden.

Zurhorst stellte in seinen Kongressworten aber auch fest, dass Quali­tät weiterhin nur mit geeignetem Fachpersonal gehalten werden kann. Weitere und verstärkte Anforderungen seien nötig, da es auf allen Qualifikationsebenen an Nachwuchs mangele.
Zum wiederholten Male äußerte er sich negativ zu den Deregu­lie­rungs­maßnahmen der Europäischen Union zum Zwecke ei­nes Wirt­schafts­wachstums. »Wer, bitte, bestellt mehr Grenzvermes­sungen aufgrund sinkender Preise?« Die Dienstleistungs­richt­linie sei ferner auf hoheit­liche Tätigkeiten nicht anwendbar.

Dieses Thema wurde anschließend auch in der Podiumsdiskussion »Freie Berufe auf dem Prüfstand« mit einer fachfremden, aber kom­pe­tenten Moderatorin sowie Dr.-Ing. Hubertus Brauer (Vizepräsident BIngK, ÖbVI), Dr.-Ing. Erich Rippert (AHO-Vor­sit­zender), Dr. Thomas Gambke (MdB, Bündnis 90/Grüne), Dr. Hanns-Jakob Pützer (Vizeprä­sident europ. NotarK) sowie Andrés Fuen­tes Hutfilter als OECD-Ver­treter.

Letzterer eröffnete und propagierte, dass die weitere Deregu­lie­rung freiberuflicher Tätigkeiten zu volkswirtschaftlichem Wachs­tum führe. Mehrmals betonte er dabei die Evidenz der Zah­len seiner Unter­suchungen. Das kam weder im Publikum noch beim Rest des Po­diums gut an. Diese betonten, dass geis­tig-schöpfe­rische Arbeit nicht mit Wa­renverkehr gleichge­setzt werden kann und ein ganz indivi­duelles Produkt gene­riert, das sich nicht generellen Marktmaßstäben unter­werfen kann.

Gambkes Urteil nach bedarf der Wettbewerb sogar einer Regu­lierung, damit hohe Qualitäten gehalten werden können, auf die wir zu Recht stolz sein können in Deutschland. Eine Kosten­ordnung beispielsweise bedeutet auch eine Deckelung nach oben und ist damit sozial orientiert, pflichtete Pützer bei.
Fuentes Hutfilter sprach weiter davon, dass hohe Immobilienneben­kosten Mobilität verhindern. Sofort wehrten sich Brauer und Gambke mit Verweis auf hohe Grunderwerbssteuern und Maklergebühren ge­gen die Urheberschaft der Freiberufler an diesen Kosten.

Im Laufe des Gesprächs kam man zu dem Eindruck, dass die Euro­päische Union u. a. mit den Zahlen der OECD die noch so kleinsten Lücken sucht, um den Freien Beruf dem Markt zu unterwerfen. Rippert bezeichnete den OECD-Bericht als zu marktradikal und ohne Nachhaltigkeit. Brauer bedauerte daraufhin, dass diese Berichte scheinbar ohne Infragestellung der EU für ihre Entscheidungen benutzt werden. Mehr Mikrokosmos bei der Betrachtung wirtschaftlicher Prozesse wünschte sich Pützer.

Die Essenz der Freiberufler: Freiberufliche Tätigkeit basiert auf Vertrauen und ist keine Ware. Ein vorsichtigerer Umgang mit dem kaum zu quantifizierenden Begriff »Rechtssicherheit« wird erwartet.

Wenn man sein hochwertiges Produkt allerdings nicht liefern kann oder es dem Falschen in die Hände fällt, hat man nicht ein­mal Punkt eins im Qualitätsmanagement beachtet: die IT-Sicherheit. Dafür sensibilisier­ten zwei Mitarbeiter einer IT-Firma die Kongressteilnehmer in Form ei­nes Livehackings. Die Bühne wurde benutzt, indem die beiden in einem Rollenspiel (naiv gegen superschlau) alltägliche fehlerhafte Prozeduren und die notwendige Korrektur vorführten.

Zum großen Teil wurden eigentlich selbstverständliche Maßnahmen erläutert, die im hektischen Büroalltag und durch eine allge­meine Sorg­losigkeit immer mal wieder unterbleiben.
Gerade der Bereich der mobilen Geräte hat das Gefahren­potenzial auf eine hö­here Stufe gestellt.

Das war Wissensvermittlung mit Entertain­ment!

Eine ganz neue Form für den Kongress war die Durchführung von Pa­nel-Vorträgen durch zehn ÖbVI. Dazu konnten bzw. muss­ten die Zuhö­rer ihre Plätze verlassen, um am Rand des Saales an verteilten Ständen das sie interessierende Thema zu errei­chen. Große Poster an den Wänden und die vorherige Vorstellung der Themen auf der Bühne sorgten für Orientierung.

So bildeten sich einzelne Trauben, in denen jeder vortragende ÖbVI individuell auf seine Zuhörerschaft mit seinem Projekt oder Spezialgebiet einging und es im besten Fall zu einer fortlaufen­den
In­teraktion aller Beteiligten kam. Wer genug hatte, zog wei­ter. Das An­gebot an und die Nachfrage nach Ideen fügten sich hervorragend zu­sammen.

Die Themen waren derartig vielfältig, dass man es bedauerte, in 1,5 Stun­den nicht dem ganzen Spektrum beiwohnen zu können. Ein bunter Marktplatz schmückte so den Kongress!

Wohl zum letzten Mal konnten die Teilnehmer dieses Kongresses im Rah­men der Abendveranstaltung die Humoreinheit schwenk­tilly­lehmann­bandow erleben. Mit ihrem Programm »Kabarett smart 2050 survey« wurden sowohl die letzten vermessungs­tech­nischen Heilig­tümer seziert als auch die Assimilation mit der rosigen Zukunft vorangetrieben. Nie wurde der Grenzstein als leuchtendes Symbol so sehr geliebt, nie hat eine Hymne diesen Berufszweig so sehr geehrt, nie wurde die Anglisierung des Vermessungswesens so konsequent zu Ende gedacht. Das Publikum tobte. »Crazy stuff, geo-guys!«, möchte man ihnen zumindest bis 2050 hinterherrufen.

Und wen selbst das kaltließ, der konnte sich ernsthafter preußi­scher Herrlichkeit in Potsdam widmen: Sanssouci mit Neuem Garten, Cecilienhof, Brandenburger Tor, Marstall, aber auch Holländisches Viertel, Alexandrowka, ein Dampfturbinenhaus als Moschee. Darauf, dass schon damals nicht immer der Bio­deutsche seine Hand im Spiel hatte, machte der BDVI-Landesgruppenvorsitzende von Brandenburg, Michael Peter, in seinen Worten aufmerksam. Ab dem Ende des 30-jährigen Krieges wur­de Potsdam (gewollte) Einwanderer­stadt.

Ein Siegel für diese Veranstaltung!

Die Kollegenschaft sieht sich 2017 in Bonn.

Martin Ullner

Autor

Dipl.-Ing. Martin Ullner
FORUM-Redaktion
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